Einzigartiger Talentschuppen
Bild: Inderlied
Auf das Wort „Wunderkind“ reagiert Laetitia Hahn ebenso wie ihr Bruder Philipp etwas allergisch. Zweifelsohne aber ist die 15-Jährige hochtalentiert. Eine Kostprobe ihres Könnens lieferte sie am Freitagabend in der Kultur beim Tokarevfest ab.
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Und man kann es drehen und wenden, wie man will – auch das Tokarevfest passt in keine Schablone.

Organisator Ralf Herold und Namensgeber Nikolai Tokarev, Pianist von Weltrang sowie Neu-Rietberger, haben mit dem Festival am vergangenen Wochenende eine Menge Mut bewiesen. So unorthodox wie sie selbst sind, so war auch die Struktur der Veranstaltung. Klassik am Freitag und Kammermusik am Sonntag bildeten den Rahmen für einen Samstag, der populäreren Genres gewidmet war. Jeder sollte sich angesprochen fühlen, sollte sich begeistern lassen von unterschiedlichsten Akteuren und ihrer ausnahmslos bemerkenswerten Kunst, und das zu erstaunlich humanen Eintrittspreisen, so die Idee von Herold und Tokarev.

Musiker verbindet die Begabung

Es war an Schirmherr André Kuper MdL und Bürgermeister Andreas Sunder, der die Patenschaft übernommen hatte, das Fest am Freitagabend zu eröffnen. Was alle so unterschiedlichen Künstler miteinander verbinde, sei die Begeisterung für erstklassige Musik und die Freude, sie einem Publikum präsentieren zu können, „das sich mitreißen lässt“, sagte Kuper. „Ich bin sicher: Das wird gelingen.“

Hochtalentierte Geschwister

Der junge Mann, der dann den Ton in der Cultura angab, ist ebenso wie seine Schwester ein Phänomen: Philipp Hahn zählt gerade einmal neun Lenze und gilt bereits als Supertalent am Piano. Völlig zu Recht, wie das Auditorium befand, nachdem es Carl Philipp Emanuel Bachs Sonata A-Dur von ihm gehört hatte. Nicht minder beeindruckend die ebenso hochbegabte Laetitia Hahn, die den ersten Satz von Ludwig van Beethovens Waldstein-Sonate intonierte.

Abend auf Weltklasseniveau

Nikolai Tokarev, der seit einigen Wochen am Rand zum Gartenschaupark lebt, füllte die Kultur-Blechbüchse mit Klängen von Georg Friedrich Händel (Chaconne), Frederic Chopin (Mazurken), Sergei Rachmaninoff (Préludes) und Robert Schuhmann/Carl Tausig (Contrabandista), später dann von Modest Mussorgsky (Bilder einer Ausstellung). Zum Schluss übernahm Tokarevs Freund Vladimir Titov, unter anderem mit Weltpremieren seines neuen Programms „Inspirism“. Mit ihm klang ein erster Festabend auf Spitzenniveau aus.

Kontrastprogramm am Samstag

Das Kontrastprogramm folgte auf dem Fuße, wobei die hohe Qualität das gesamte Wochenende über gehalten wurde: Die Protagonisten am Tag der Populärmusik gaben sich weitaus weniger konservativ. Im Gegenteil: „Sommerplatte“ mit den Echo-Preisträgern Hanno Busch und Claus Fischer beispielsweise pflegt einen sehr speziellen, progressiven Stil, der das Publikum in der Cultura ausnahmslos faszinierte.

Charmante Frauenpower

Die Rolle der Anheizer übernahmen fünf Hannoveraner: Die Nordlichter von „IOT.GE“ interpretieren Contemporary-Jazz auf eigene Art. Frauenpower und Garage-Pop mit deutschen Texten, die richtig gute Laune machen, kredenzte später Veronica Caspers, die als Veronique de la Chanson bekannt ist. Das nachfolgende Trio wurde aus gutem Grund gefeiert wie kaum eine andere Formation an diesem Tag: „Brausepöter“. Die Lokalmatadoren hatten leichtes Spiel in der Cultura.

Familiäre Atmosphäre

Kaum weniger familiär ging es bei den drei Jungs von „Motocross Craded“ aus Neuenkirchen zu, die während einer Umbauphase das Foyer rockten: Sie passen insofern haargenau ins Schema der Veranstalter, als dass diese zweifelsohne genauso außergewöhnlich sind wie die anderen 38 Protagonisten, die die beiden Bühnen am Wochenende bespielten.

Wandelnder Talentschuppen

Zum Abschluss rappelte es dann nocheinmal richtig in der Kiste: „Pimpy Panda“, am Samstagabend unter anderem unterwegs mit Trompeter Christian Altehülshorst, der aus Rietberg stammt. Ihr Klang soll „von den Ohren in das Herz in die Beine“ gehen – und das ist dem wandelnden Talentschuppen phänomenal gut gelungen.

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