„Geraubte Jahre“ in Fotodokumenten
Bild: Vredenburg
Seltenes Zeitdokument: Bis zu seinem Tod fühlte sich der französische Kriegsgefangene Pierre Robin mit Theresia und Gerhard Aufderheide freundschaftlich verbunden.
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Der französische Soldat Pierre Robin hat damals auf dem Hof des Onkels von Gerhard Aufderheide gearbeitet. Er und seine spätere Frau Theresia lernten den Kriegsgefangenen als junge Erwachsene kennen, freundeten sich mit ihm an und hielten bis zu dessen Tod in den 1990er-Jahren Kontakt zu ihm. Das Ehepaar erinnert sich, dass Pierre Robin, der in einem Lager übernachten musste, vom Onkel gut behandelt wurde. Zum Essen habe der Franzose mit am Tisch der Familie sitzen dürfen.

Auf dem Fahrrad mitgenommen

Heinz Wilhelmstroop hat noch Fotos und Erinnerungen an den Kriegsgefangenen André Garnier, der ihn, als er ein kleiner Junge war, manchmal auf dem Fahrrad mitnahm. Der Franzose habe aber nur zeitweilig auf dem Hof der Familie Wilhelmstroop gearbeitet und übernachtet. Zwischenzeitlich sei er in einer Fabrik anderenorts eingesetzt worden.

Geschichten wie diese sind nachzulesen im Katalog zur Ausstellung „Geraubte Jahre“, die zurzeit im Ratssaal des alten Progymnasiums und im Rietberger Heimathaus zu sehen ist. „Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass derartige Überlieferungen wie die Aufbewahrung der Fotos von Kriegsgefangenen, die Erinnerung an sie und sogar aus der Kriegszeit gewachsene Freundschaften nicht selbstverständlich sind“, erklärt Dr. Jan Carstensen, Direktor des Freilichtmuseums Detmold des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).

Respektvoller Umgang mit Kriegsgefangenen

Dass überhaupt Fotos und Erinnerungen vorhanden sind, spreche in einzelnen Fällen für einen guten, respektvollen und menschlichen Umfang zwischen den Deutschen und den Kriegsgefangenen, meint Carstensen. Umgekehrt sei es plausibel, dass Erinnerungen in den Fällen nicht überliefert wurden, in denen ein eher distanziertes oder gar feindliches Verhältnis bestand. Dies könne erklären, warum trotz gründlicher Recherche nur zwei Schicksale hinter den Porträts von 66 Kriegsgefangenen und 28 Zwangsarbeiterinnen, die sich damals im Rietberger Fotoatelier Kuper ablichten ließen, aufgeklärt werden konnten.

Zudem seien die meisten Zwangsarbeiter wohl weniger auf den Höfen, als in örtlichen Betrieben verpflichtet und in Baracken untergebracht worden. Und dieses Wissen drohe verloren zu gehen. Carstensen: „Inzwischen gibt es nur noch wenige Zeitzeugen, die sich erinnern, wo diese Baracken standen“. Umso wichtiger sei es, den Menschen, die gegen ihren Willen in Deutschland festgehalten und zur Arbeit gezwungen wurden, ein Gesicht zu geben.

Ausstellung bis 21. August

Die Ausstellung „Geraubte Jahre“ mit Teilen der gleichnamigen Schau, die 2015 im LWL-Freilichtmuseum Detmold beheimatet war, ist noch bis Sonntag, 21. August, immer dienstags bis freitags von 14.30 bis 18 Uhr sowie samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr im Ratssaal zu sehen. Weitere Fotos werden an jedem Mittwoch und Sonntag von 15 bis 18 Uhr im Rietberger Heimathaus gezeigt. Während des Zweiten Weltkrieges mussten mehr als 13 Millionen Menschen in Deutschland Zwangsarbeit leisten.

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