„Impfstopp erst einmal richtig“
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Im Kampf gegen das Coronavirus setzen Politik und Gesellschaft auf eine wachsende Zahl effektiver Impfstoffe. Das Vakzin von Astrazeneca ist dabei vorläufig aus dem Rennen, weil in mehreren Fällen nach der Gabe des Mittels eine spezielle Form von schwerwiegenden Hirnvenen-Thrombosen in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen auftrat.
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Abschreiben möchte der stellvertretende Kreisverbandsarzt des Deutschen Roten Kreuzes das Mittel jedoch nicht.

Verhältnis sieben zu 1,6 Millionen

Die Wahrscheinlichkeit, dass es nach der Spritze zu einer schwerwiegenden Thrombose der Hirnvenen in Verbindung mit einer verminderten Zahl von Blutplättchen kommt, ist gering. Bekannt sind lediglich sieben Fälle bei insgesamt mehr als 1,6 Millionen verimpften Astrazeneca-Dosen. „Der Impfstopp für den Vektor-Impfstoff ist dennoch erst einmal richtig“, sagt Titgemeyer. Denn zunächst müssten zwei Dinge geklärt sein: Nämlich ob es sich tatsächlich um einen Nebeneffekt der Impfgabe handelt, und ob es nicht vielleicht noch wesentlich mehr derart Erkrankte gibt, bei denen die Thrombose weniger stark ausgeprägt ist. „Um eine mögliche Dunkelziffer zu erfassen, bedarf es erhöhter Aufmerksamkeit von uns allen. Die ist jetzt durch den Impfstopp definitiv erzeugt“, unterstreicht der Allgemeinmediziner. 

„Grundsätzlich halte ich die Impfung weiter für richtig, da das Risiko für eine schwere Komplikation im Verlauf einer Covid-19-Infektion sehr hoch ist. Erheblich höher als das Thrombose-Risiko nach der Astrazeneca-Impfung – vorausgesetzt es bleibt bei den wenigen Fällen“, sagt Titgemeyer. Die Wahrscheinlichkeit sei etwa so hoch wie die, auf dem Weg zum Impfzentrum in einen Autounfall verwickelt zu sein.

England verabreicht Astrazeneca auch an Ältere

Dass es in Deutschland häufiger als anderswo zu Sinusvenenthrombosen gekommen sei, ist nach Ansicht des DRK-Kreisverbandsarzts einer Besonderheit der Strategie geschuldet. Generell seien jüngere Frauen häufiger von derartigen Komplikationen betroffen als andere Bevölkerungsgruppen. Genau diese seien es aber, die zurzeit mit Astrazeneca immun gemacht werden sollen. In anderen Ländern, etwa in England, sei der Stoff vermehrt älteren Menschen verabreicht worden. „In der Altersgruppe über 80 Jahren hat aber jeder dritte Impfling eine Dauermedikation mit einem Gerinnungshemmer, der das Thromboserisiko drastisch reduziert – und Gerinnungsstörungen sind im Lauf des langen Lebens längst schon aufgefallen“, erläutert der Mastholter Allgemeinmediziner. Dementsprechend komme es dort auch zu weniger Komplikationen. „Die nächsten Wochen werden zeigen, ob an dieser Theorie etwas dran ist.“

Ob der Impfstopp für das Astrazeneca-Vakzin richtig ist, darüber lässt sich aus Sicht von Dr. Ulrich Oeverhaus trefflich streiten. Das Risiko, einer schwerwiegenden Komplikation, etwa einer Hirnvenenthrombose, sei verschwindend gering, sagt er. Gleiches gelte im Übrigen auch für den Biontech-Impfstoff. Nur seien die Zahlen bei dem mRNA-Mittel noch einmal etwas niedriger als bei dem Vektor-Impfstoff der schwedisch-britischen Konkurrenz. 

Kampagne muss Fahrt aufnehmen

„Wir müssen uns klar darüber werden, was wir wollen“, betont Mediziner Oeverhaus, der die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung als Vorsitzender vertritt und somit für eine Vielzahl seiner Kollegen spricht. Wie für Hausarzt und Notfallmediziner Dr. Thomas Titgemeyer überwiegen auch für den Rietberger Augenarzt die Vorteile einer Impfung mit dem gescholtenen Vakzin, das zuletzt an rund 18 Prozent der priorisierten Personengruppen verabreicht wurde. Nachteil eines Impfstopps, den die Europäische Arzneimittel-Agentur und das in Deutschland zuständige Paul-Ehrlich-Institut „mit 100-prozentiger Sicherheit“ zur Zurücknahme empfehlen werden, sei der dadurch verursachte Zeitverlust. Nachdem es die Politik auf Bundes- und europäischer Ebene nicht geschafft habe, ausreichend Dosen für die Bürger rechtzeitig zu bestellen, müsse die Kampagne jetzt an Fahrt aufnehmen. „Wir müssen endlich richtig ans Impfen kommen“, sagt Dr. Ulrich Oeverhaus.

Sowohl Dr. Thomas Titgemeyer als auch sein Rietberger Kollege Oeverhaus sprechen sich für eine möglichst schnelle Involvierung der Haus- und Facharztpraxen aus, um das Tempo in Sachen Herstellung der Herdenimmunität anzuziehen – sobald ausreichend Impfstoff dafür zur Verfügung steht.

Bürokratie unbedingt vermeiden

Der Vorsitzende der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Politik dabei einen von ihr verursachten Schaden wieder gutmachen könne. „Die Eingliederung der Mediziner mit ihren Praxen darf nicht dazu führen, dass ein Bürokratiemonster geschaffen wird“, betont Dr. Oeverhaus. Andere Länder machten es vor, wie schnell und unkompliziert der Weg zum von allen Seiten angestrebten Ziel gegangen werden könne. Auch an der Kommunikation mit dem Bürger, die sich derzeit noch vor allem auf Schreckensszenarien konzentriere, könne man in Berlin und Brüssel noch arbeiten, meint der gebürtige Münsteraner.

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