Mastholter Zeltlager seit 50 Jahren Kult
Bild: Sudbrock
Wie im Flug vergeht die Zeit an den Drei Kanälen für (v. l.) Jan Pöppelbaum, Thilo Schwarzenberg, Noah Leweling, Gemeindereferent Ralf Langenscheid, Niklas Hustermeier, Hendrik Pöppelbaum, Johannes Hemfort und Leon Moorfeld.
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Er selbst ist dann nicht mehr „an Bord“, zumindest nicht in offizieller Mission. Denn für den 64-Jährigen, der seit 1989 als Gemeindereferent in St. Jakobus Mastholte arbeitet, beginnt mit dem Jahreswechsel der Ruhestand. Die Verantwortung für die beliebte Ferienfreizeit an den Drei Kanälen trägt dann die nächste Generation.

Gemeindereferent geht von Bord

Junge Frauen und Männer aus der Leiterrunde der Messdiener in Rietbergs südlichstem Stadtteil sollen die Organisation übernehmen. „In den vergangenen Jahren habe ich nach und nach die Weichen für einen reibungslosen Übergang gestellt“, sagt Langenscheid. Auch wenn sein Name oft mit der Traditionsveranstaltung in Verbindung gebracht werde, hänge deren Wohl und Wehe nicht an seiner Person: „Wenn es doch so wäre, wäre das schlimm.“

124 der 160 Mastholter Messdiener nahmen in der zurückliegenden Woche an der Ferienfreizeit teil. „Alle kommen freiwillig und sind traurig, wenn es anschließend wieder zurück nach Hause geht“, sagt Langenscheid.

Bundesweit eine Ausnahmeerscheinung

Während die Zahl der Gläubigen ebenso wie die Zahl der Gottesdienstbesucher bundesweit abnimmt, sei beim Mastholter Zeltlager seit Jahren eine Gegenentwicklung zu beobachten: Der Kurzurlaub in der kleinen Zeltstadt im Schatten hoher Bäume unweit des Ufers des Boker Kanals wird nämlich immer beliebter. Inzwischen ist die Auslastungsgrenze nahezu erreicht: „Viel mehr Kinder und Jugendliche sind aus Platzgründen nicht zu stemmen“, sagt Langenscheid.

Zur Person

Pfarrer Rudolf Bracht starb in den frühen Morgenstunden des 12. August 1993 im Messdiener-Zeltlager an den Drei Kanälen an den Folgen eines Herzinfarkts. Der Geistliche wurde von den Mastholtern geschätzt und geachtet. Er liebte Gott, die Menschen und seinen Beruf als Seelsorger. Im von Heinz Heckemeier verfassten „Glocke“-Nachruf heißt es dazu: „An den Drei Kanälen, wo Rudolf Bracht so manche Messe unter freiem Himmel zelebrierte, wo er ungezählte Stunden mit seinen Mastholtern verbrachte, dort hörte sein Herz auf zu schlagen. Ein Herz, das für alle Mastholter, ob Kinder, Jugendliche, Erwachsene oder Senioren, stets offen war.“ Und an anderer Stelle schreibt Heckemeier: „Bracht gab in all den Jahren sein Bestes, und das war zum Segen der Menschen in Mastholte sehr viel.“ Das Licht der Welt erblickte Bracht am 10. Januar 1929 als Sohn eines Schneidermeisters in Soest. 1955 wurde er in Paderborn zum Priester geweiht. Es folgten Vikarsstellen in Neuenkirchen, Geseke und Arnsberg, bevor er 1968 als Pfarrer nach Mastholte kam und dort fast 25 Jahre segensreich wirkte. Heute erinnert die Rudolf-Bracht-Grundschule an einen Gottesmann, der Spuren hinterließ.

Die Anfänge vor genau 50 Jahren waren bescheiden. 1969 legte Pfarrer Rudolf Bracht, damals gerade erst ein Jahr an seiner neuen Wirkungsstätte im Amt, den Grundstock für eine Erfolgsgeschichte, die über seinen Tod hinaus fortgeschrieben wird. „In den ersten Jahren waren es jeweils um die zehn Messdiener, die sich zum Zeltlager an den Drei Kanälen einfanden“, berichtet Hajo Ahrens. Der 68-Jährige gehörte seinerzeit zum Organisationsteam und erinnert sich lebhaft an die Verpflegung, die mit heutigen Standards nicht zu vergleichen sei: „Damals drückte man jedem von uns ein totes Huhn in die Hand, das wir uns selbst über dem offenen Feuer zubereiten mussten.“ Milch gab es frisch vom Bauern, Obst und Schokolade brachten spendable Bürger vorbei.

„Es ist cool, dabei zu sein“

Wenn Ralf Langenscheid das vor 50 Jahren ins Leben gerufene Zeltlager mit einem Wort beschreiben muss, dann fällt ihm spontan „Kult“ ein. „Die Veranstaltung hat bei den jungen Leuten im Dorf längst so etwas wie Kultstatus erreicht“, sagt der Gemeindereferent. „Es ist einfach cool, dabei zu sein.“ Die Akzeptanz in der Bevölkerung sei hoch: Davon zeugten nicht zuletzt die Sach- und Geldspenden von Firmen und Privatpersonen, dank derer die Kosten für die Durchführung auf einem überschaubaren Niveau gehalten werden können. „Das Zeltlager gehört genauso zu Mastholte wie der Jakobimarkt“, lässt sich Langenscheid zu einem Vergleich hinreißen.

Das Messdiener-Zeltlager an den Drei Kanälen unweit des Freien Stuhls ist mit einem erheblichen logistischen Aufwand verbunden. Die Zelte, in denen die Kinder und Jugendlichen zu viert oder sechst schlafen, werden im Vorfeld von den Mitgliedern der Leiterrunde aufgebaut. Das gilt auch für das große Küchenzelt, in dem vor allem bei Regenwetter die gemeinsamen Mahlzeiten eingenommen werden.

„Mantaplatten“ am laufenden Band

Gekocht wird vor Ort aus hygienischen Gründen nicht, nur Frühstück und Abendessen werden direkt im Lager zubereitet. In diesem Jahr zeichnet die Fleischerei Knöbel aus Wiedenbrück für die Mittagsverpflegung verantwortlich. An einem Tag rückte das Team mit dem Grillwagen an und servierte am laufenden Band „Mantaplatten“, also Currywurst und Pommes Majo. „Das war der Renner bei den jungen Leuten“, berichtet Ralf Langenscheid.

Genau genommen findet das Zeltlager nicht auf Mastholter Gebiet statt, sondern in Westenholz. Die Lagerstätte am Kirspelpfad liegt aber nur wenige hundert Meter hinter der Ortsgrenze.

Wehmut beim Abschied

Wenn die Messdiener und ihre Betreuer am heutigen Samstag ihre Sachen packen, dann mit reichlich Wehmut. Denn die Zeit verging bei Workshops zu unterschiedlichen Themen, bei Ausflügen in die nähere, dicht bewaldete Umgebung sowie beim gemeinsamen Singen am Lagerfeuer viel zu schnell. Und das, obwohl auf dem Gelände zumindest tagsüber ein striktes Handyverbot herrscht.

Langeweile hat keine Chance

Aber wer braucht auch schon ein Smartphone, wenn der Holzbalken zum Balancieren über den reißenden Fluten des Boker Kanals einlädt, das weiße Lagerbanner des nachts vor Angreifern verteidigt werden muss oder gemeinsam Vorbereitungen für die Freiluftmesse getroffen werden, die Pfarrer Andreas Zander mit den jungen Leuten abhält? Fest steht: Das Messdiener-Zeltlager hat selbst nach 50 Jahren nichts von seiner Anziehungskraft verloren – im Gegenteil sogar.

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