Messerstecher fühlte sich bedroht

Am  zweiten Prozesstag gegen den jungen Wahl-Rietberger, der aus der Untersuchungshaft der neunten Strafkammer des Landgerichts Bielefeld vorgeführt wurde, verdeutlichte ein Gutachter, dass der Angreifer sich als mögliches Opfer gesehen hat.

Zwar hatten sowohl der 19-Jährige als auch der 43-Jährige, der beim Hänky-Pänky-Kneipenfestival sechs Liter Bier getrunken haben will, keine konkreten Absichten, aggressiv zu werden. Sie kannten sich nicht. Doch als der Ältere sich vor dem Jüngeren aufbaute, habe Letzterer in einer Weise reagiert, die auf eine Persönlichkeitsstörung schließen lasse.

 „In Konfliktsituationen fällt er in alte Rollenmuster zurück“, erklärte gestern der Bielefelder Gutachter Dr. Carl-Ernst von Schönfeld, Chef der Tagesklinik I. für Psychiatrie in Bethel. Von Schönfelds Untersuchungen zeichnen das Bild eines Jungen, der in frühester Jugend „extrem verwahrlost ist“, so sein Anwalt Max Mauntelt zur „Glocke“. Er habe bis zum Alter von drei Jahren, als er und sein Bruder „befreit“ und in fremde Pflegehände übergeben wurden, „sehr Schlimmes“ mitgemacht.

Narben am Körper seien entstanden, weil das Kind mit einem heißen Bügeleisen und mit brennenden Zigaretten malträtiert worden sei. Eine alkoholsüchtige und grausame Mutter und ein prügelnder Vater, der sich erst in jüngerer Zeit um seinen Sohn gekümmert habe, hätten das Unterbewusstsein des Jungen negativ geprägt. In der Hauptschule habe er sich trotz guter Notenabschlüsse als Einzelgänger und Mobbingopfer empfunden.

Später habe er mehrere Lehren abgebrochen. Seine Pflegeeltern in Rietberg kümmerten sich bis heute liebevoll um ihn und ständen auch während der Untersuchungshaft an seiner Seite. „Ein Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ist bei ihm nachweisbar“, betonte von Schönfeld.

Das Verhalten seines Kontrahenten am Tattag habe auf den 19-Jährigen subjektiv als Angriff gewirkt. Da sei er „in Angst ausgerastet“. Wenn das Gericht eine verminderte Schuldfähigkeit des Angeklagten anerkennt, wie der Gutachter empfahl, könnte der Anklagevorwurf in eine schwere Körperverletzung umgewandelt werden, hofft sein Anwalt. Am Mittwoch, 5. März, ist mit einem Urteil zu rechnen.

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