Rietberger halten Erinnerung wach
Bild: Schulte-Nölle
Starkes Zeichen: Knapp 200 Bürger nahmen am Freitag an der Gedenkfeier von Stadt, Kirche und Heimatverein anlässlich der Pogromnacht vor 80 Jahren teil. Auf dem Grundstück der niedergebrannten Neuenkirchener Synagoge mahnte Bürgermeister Andreas Sunder an, mit allen Mitteln zu verhindern, dass sich die Gräueltaten des Nationalsozialismus’ wiederholen.
Bild: Schulte-Nölle

Knapp 200 Menschen kamen dazu vor dem Haus an der Langen Straße 120 zusammen. Jenem Ort, an dem in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Neuenkirchener Synagoge – so wie mit ihr zahllose jüdische Einrichtungen in ganz Deutschland – in Flammen aufging, ohne das jemand hätte einschreiten können oder wollen. Bürgermeister Andreas Sunder, Beate Schrewe vom Heimatverein Neuenkirchen, Pastor Dietrich Fricke von der Evangelischen Kirchengemeinde Rietberg, sein katholischer Amtskollege Pfarrer Augustinus Dröge sowie Stadtarchivar Manfred Beine ließen in eindrücklichen Worten noch einmal aufleben, was nie vergessen werden darf.

Artikel eins mit Leben erfüllen

Eltzbacher, Goldmann, Kemper, Lilienfeld, Wissbrun, Hope, Mosbach, Rosenthal, Löwenstein, Dreyer, Stern, Gronsfeld: „In dieser schicksalhaften Nacht haben etliche Familien in Neuenkirchen und Rietberg ihr Zuhause und ihre Synagoge verloren“, machte Sunder deutlich und mahnte an, mit allen Mitteln zu verhindern, dass sich diese Gräueltaten wiederholen. Dabei reiche es nicht aus, den Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ im Grundgesetz zu verankern. Vielmehr gelte es, ihn immer wieder aufs Neue mit Leben zu erfüllen, und zwar indem „wir ihn lesen, ihn korrekt interpretieren, seine umfassende Bedeutung kennen, wenn wir ihn achten und ihn zur Grundlage unseres Zusammenlebens machen“. Schließlich stelle der Artikel eins die wertvollste Errungenschaft der Gegenwart dar. Dazu passte, dass die Stadtverwaltung eigens 80 Exemplare des Grundgesetzes mitgebracht hatte, um sie nach der Veranstaltung zur Mitnahme auszulegen.

Pastor Dietrich Fricke verlas den Tatsachenbericht eines jüdischen Jungen, der im Konzentrationslager Hunger, Folter, unfassbares Leid und Tod mit ansehen und zum Teil selbst erleben musste. „Herr, warum bleibst du so fern, verbirgst dich in Zeiten der Not?“, fragte Pfarrer Augustinus Dröge mit Psalm 10, der mit der mutmachenden Aussicht „Kein Mensch mehr verbreite Schrecken im Land“ endet. Zuvor hatte der katholische Geistliche vor dem Hintergrund einer erstarkenden rechtsgerichteten Politik festgestellt: „Das Böse macht sich wieder breit in unserem Land.“

„Solche Verbrechen dürfen nie wieder vorkommen“

Was genau geschah in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Neuenkirchen? Der Heimatverein habe sich viele Jahre intensiv mit dieser Frage beschäftigt, stellte Beate Schrewe heraus. Ihr Vortrag, der die Ergebnisse der Recherchen beinhaltete, rief sichtliche Betroffenheit bei den Bürgen aus. Demnach hat an jenem 9. November im örtlichen Hotel Druffelsmeier eine Versammlung von Nazifunktionären stattgefunden. Gegen 22 Uhr löst sich die Gruppe auf. Kurz danach hält der Schrecken Einzug im Wapeldorf.

Hitlers Anhänger dringen in das Haus der Familie Kemper ein und zerstören es systematisch. Nichts bleibt unangetastet. Selbst die Toilette wird zerschlagen. Hilde Kemper, Tochter des Fabrikbesitzers Emil Kemper, ist in dieser Nacht allein mit ihrer Mutter und ihrer Tante aus Berlin. Ihnen gelingt später die Ausreise nach England. Anderen jüdischen Familien ist diese Gnade nicht vergönnt. Julius Löwenstein und seine Frau Emma etwa werden in der Pogromnacht schwer misshandelt. Ihr Leben endet 1942 im KZ Treblinka. „Solche menschenverachtenden Verbrechen dürfen nie wieder vorkommen. Wir dürfen die Geschehnisse jener Zeit niemals vergessen“, unterstrich Schrewe.

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