Rietbergerin erhält Verdienstmedaille
Bild: Schulte-Nölle
Besondere Ehre: Die Rietbergerin Bernhardine Wohlfahrt erhielt am Montag aus den Händen von Landrat Sven-Georg Adenauer (l.) die Bundesverdienstmedaille. Auch Bürgermeister Andreas Sunder gehörte zu den Gratulanten.
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Darüber hinaus kümmerte sie sich fast zwei Jahrzehnte lang um ihre pflegebedürftige Schwiegermutter und umsorgte zudem ihren kranken Ehemann. Bei der Geehrten sei der Nachname Programm, sagte Adenauer und betonte: „Ihr Handeln war stets Wohlfahrt, hatte über die Jahre das Motiv der Liebe im Sinne von Caritas – der Nächstenliebe.“

„Damit sind Sie ein leuchtendes Vorbild“

Die aufopferungsvolle Hinwendung zu ihren eigenen sowie zu den Pflegekindern und darüber hinaus zu Schwiegermutter und Ehemann habe Bernhardine Wohlfahrt ohne Pflegeausbildung, ohne Urlaub und ohne finanzielle Gegenleistung erbracht. „Damit sind Sie ein leuchtendes Vorbild und dafür dankt Ihnen heute die Gemeinschaft.“

Alles begann 1974 damit, dass vier Kinder ihr Elternhaus wegen schwerer Vernachlässigung verlassen mussten. Weil die Heranwachsenden nicht getrennt voneinander aufwachsen sollten, erklärte sich Bernhardine Wohlfahrt – selbst Mutter zweier Kinder – bereit, alle Vier bei sich aufzunehmen. Die Steppkes waren zu diesem Zeitpunkt zwischen zwei und sechs Jahren alt und benötigten nicht zuletzt wegen der zurückliegenden traumatischen Erlebnisse sowie aufgrund von Erkrankungen besondere Zuwendung.

Um sich ganz dieser schweren Aufgabe zu stellen, gab die Geehrte ihre berufliche Tätigkeit in einem Inkassobüro in Rietberg auf. Ob damals Pflegegeld gezahlt wurde, lässt sich heute nicht mehr ermitteln. Mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen gelang es Wohlfahrt, den Kindern ein liebevolles neues Zuhause zu schenken. Zwei ihrer Schutzbefohlenen haben die Familie Wohlfahrt im Erwachsenenalter verlassen.

Schwiegermutter aufopferungsvoll gepflegt

Ein anderer Pflegesohn leidet bis heute an Aggressionsstörungen und einer psychischen Erkrankung, die er bei seinen leiblichen Eltern entwickelt hat. Zahlreiche verbale Attacken und gelegentlich auch gewalttätige Ausbrüche ertrug Bernhardine Wohlfahrt geduldig, um diesen Jungen nicht in ein Heim geben zu müssen. Erst 2015 – mit über 40 Jahren – verließ er ihren Haushalt. Ein weiterer Pflegesohn hat eine starke Sehstörung und ist dadurch zu 90 Prozent schwerbehindert. Er lebt bis heute bei seiner Ziehmutter, obwohl sie durch ihr hohes Alter und den daraus resultierenden körperlichen Gebrechen in zunehmendem Maß selbst beeinträchtigt ist.

1978 erlitt die Schwiegermutter von Bernhardine Wohlfahrt, die damals noch in der DDR lebte, einen Schlaganfall. Um sie zu versorgen, wurde sie von ihrem Sohn nach Westdeutschland geholt, wo sich die Rietbergerin aufopferungsvoll um die Kranke kümmerte. Zwei Knochenbrüche erforderten über lange Zeit einen besonderen Pflegeaufwand. Später kam eine altersbedingte Demenz hinzu, sodass die Schwiegermutter dauerhafte Hilfe beim Anziehen, Essen und dem Toilettengang benötigte. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1994 war Bernhardine Wohlfahrt stets für sie da.

Kranken Ehemann zuhause umsorgt

1994 erlitt auch der Ehemann der Geehrten einen Schlaganfall und war seither teilweise gelähmt. Außerdem wurde bei ihm eine Krebserkrankung diagnostiziert. Für Bernhardine Wohlfahrt war es selbstverständlich, ihn ebenfalls bis zu seinem Tod zwei Jahre später zu Hause zu umsorgen und bei allen Bedürfnissen des Alltags Unterstützung zu leisten, ohne die Hilfe eines Pflegediensts in Anspruch zu nehmen. Auch heute noch kommen einige ihrer Enkel – darunter auch der Nachwuchs der Pflegekinder – nach der Schule zu ihr. Bei Bernhardine Wohlfahrt bekommen sie immer etwas zu Essen und finden verständnisvolle Worte sowie ein offenes Ohr.

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