Schwarzbrenner bereichert Pintentour
Bild: Daub
Auf dem Dachboden eines Fachwerkhauses in der Rietberger Altstadt wurde bei Renovierungsarbeiten diese Kleinbrennanlage entdeckt. Vor dem Kessel der einst illegal betriebenen Schwarzbrennerei stehen die „Pättkes- und Pinten-Tour“-Stadtführer (v.l.) Gerd Muhle, Marlies Rupprath und Klaus Stücker. Am Sonntag wollen sie interessierten Mitgliedern und Freunden des Heimatvereins die Anlage zeigen.
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Das Konstrukt – ein Brennkessel, ein Steigrohr und ein Wasserkühler – stammt aus dem Nachlass eines verstorbenen Rietberger Schwarzbrenners, dessen Verwandte Diskretion gefordert haben: Sie haben den Dachbodenfund den Stadtführern als Dauerleihgabe überlassen – unter der strengen Maßgabe, dass keine Hinweise auf den früheren Besitzer gegeben werden.

Für die Erfinderin der „Pättkes- und Pinten-Tour“ Marlies Rupprath und ihre Stadtführerkollegen Ute Merschbrock, Gerd Muhle und Klaus Stücker ist die Leihgabe sozusagen das I-Tüpfelchen auf ihre witzigen Schilderungen von Begebenheiten aus der Kneipenhistorie. „Dass sich unter den hiesigen Giebeln manche Stadtbürger einen Obstschnaps aus eigener Produktion gebraut und gegönnt haben, ist zwar schon immer bekannt gewesen. Aber jetzt haben wir einen unschlagbaren Beweis vorzuzeigen“, freut sich Rupprath.

Bei der Renovierung eines alten Fachwerkhauses im historischen Stadtkern war die Kleinbrennanlage „wiederentdeckt“ und vor der Verschrottung bewahrt worden. Das Alter könne man nicht mehr genau bestimmen, sagt Stadtführerin Ute Merschbrock, die über die Vermittlung eines Bekannten an die Gerätschaften gelangt ist. „Ich vermute aber, dass sie zwischen den Weltkriegen gebaut wurde und zuletzt in den 1950er-Jahren betrieben worden ist.“

Was der Rietberger Schwarzbrenner wohl produziert hat? Es waren sehr wahrscheinlich Destillate von Kirschen, Mirabellen oder Zwetschgen – jedenfalls waren es Obstler. Die im Heimathaus-Schuppen dargestellte Anordnung der Geräte über dem offenen Herd komme dem einstigen Einsatz recht nahe, versichern die Stadtführer seit einigen Wochen ihren staunenden Tourteilnehmern. Manchmal sei die Schwarzbrennerei auch auf einem zeitgenössischen Küchenherd betrieben worden. Dazu habe man die Topfringe auf der Ofenoberfläche abgenommen und so den geeigneten Platz für den Brennkessel geschaffen. Am Sonntagnachmittag will Ute Merschbrock, die mit ihren Kollegen die Scheune gesäubert und hergerichtet hat, interessierten Mitgliedern und Freunden des Heimatvereins Rietberg die Kleinbrennanlage zeigen. Dabei wird auch ein „Balkenbrand“ ausgeschenkt. „Der ist aber legal und kommt nicht aus alten Schwarzbrennerbeständen“, verspricht die Stadtführerin mit verschmitztem Lächeln.

Geheimes Handwerk braucht Fachwissen

Wer sich in Rietberg mit dem Schwarzbrennen beschäftigt hat, musste ein gewisses Fachwissen mit sich bringen. Stadtführerin Ute Merschbrock, die für die Dauerleihgabe „Kleinbrennanlage“ verantwortlich zeichnet, weist auf ihren Führungen die Teilnehmer wortgewandt darauf hin, was es alles bedurfte, um Hochprozentiges in die Flasche respektive ins Glas zu bekommen.

Demnach wurde für die Herstellung des Schnapses zunächst süßes Obst verwendet, das zum Beispiel aufgrund unschöner Stellen für den direkten Verzehr nicht mehr geeignet war. Die Kirschen, Zwetschgen oder Mirabellen wurden zerkleinert in einen Schweinetrog gefüllt. Ein solches Behältnis sei in fast jedem Rietberger Haushalt vorhanden gewesen, weiß Merschbrock. Innerhalb von wenigen Wochen regten die in den Früchten enthaltenen Hefen den Vergärungsprozess an: Zuckermoleküle wurden in Alkohol umgewandelt. Beim folgenden Brennvorgang wurde das vergorene Obst – die sogenannte Maische – in den Brennkessel gegeben. Der Kühler wurde mit kaltem Wasser gefüllt und schließlich das Feuer entfacht.

Über ein Steigrohr gelangte der verdampfte Alkohol in den Kühler und tropfte von dort flüssig in eine bereitgestellte Glasflasche. Man brannte so lange weiter, bis immer mehr Wasseranteile mitverdampft waren. Mittels Alkoholspindel – oder per Zungenverkostung – ermittelte auch der Rietberger Schwarzbrenner exakt, wie stark und wie wohlschmeckend sein erstes Ergebnis, der sogenannte Rauhbrand, war. Erst der spätere „Mittellauf“ war jedoch zum Verzehr geeignet.

Wasser lässt Alkoholgehalt sinken

Mit einem Schuss Wasser wurde der „Selbstgebrannte“ auf einen angenehmen Alkoholgehalt heruntergemischt. „Viele Altvorderen haben sich das Heruntermischen geschenkt, weil ihre Brennkenntnisse nur rudimentär vorhanden waren. Das Resultat muss also grausig geschmeckt, aber dennoch seinen Zweck erfüllt haben“, schildert Ute Merschbrock. Das übriggebliebene Obst, die Schlempe, habe der sparsame Schwarzbrenner derweil an das Vieh verfüttert. Zum gestifteten Fundus der Kleinbrennanlage zählen auch zwei Getränkekisten, auf denen der Kühler platziert worden war. Sie stammen aus dem Bestand der heimischen Firma Pähler-Borgmeier, die im Stadtgebiet „Ennebutt“ einst eine Sinalco-Limonade-Abfüllung in Lizenz betrieben hat. Darüber hinaus gibt es mehrere zum Abfüllen von alkoholischen Flüssigkeiten verwendete Glasballone, die aus der Gerresheimer Glasfabrik in Düsseldorf stammen. Sie wurden einst in der legendären früheren Gaststätte „Zur Börse“ benutzt, die sich im heutigen Bürgerbürogebäude an der Rathausstraße befunden hat.

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