Taschenmonster auf der Bordsteinkante
Bild: von Stockum
Den virtuellen Biestern auf der Spur: Jana Hülsey (l.) und Laura Gilich. Mehrere Stunden am Tag sind die jungen Frauen – wie viele andere auch – derzeit auf Pokémon-Jagd.
Bild: von Stockum

Ja, spinnen die denn alle? Spielt die Welt verrückt? Warum rennt plötzlich jeder wie ferngesteuert durch die Gegend, den Blick starr aufs Smartphone-Display geheftet? Und wer ist eigentlich dieser Pokémon, der mehr Leute auf die Straße bringt, als alle Protestparteien gemeinsam?

„Zu vertieft ins Spiel – Polizei fasst Straftäter“, „Die gefährlichste App der Welt?“, „Das Monstergeschäft“ und „Plötzlich gehen Kinder wieder raus“ – es ist nur eine kleine Auswahl der Schlagzeilen, die die Nachrichten seit dem Moment bestimmen, seit dem das Smartphone-Spiel „Pokémon Go“ auch für Deutschland erhältlich ist. Die Euphorie ist gewaltig und die Gefahr, aus unerfindlichen Gründen süchtig nach Schnitzeljagd zu werden, groß. „Die Glocke“ hat es ausprobiert. Die Jagd sollte eigentlich vorm historischen Rathaus beginnen.

Wir geben allerdings zu: Das erste Taschenmonster ist bereits in der heimischen Küche dingfest gemacht worden, unter hektischem Wischen über das Display und der permanenten Sorge, schon das erste Vieh würde einen der Lächerlichkeit preisgeben. Direkt neben dem Kachelofen hat es gesessen, dieses gelbe Wesen. Gut, dass es gefangengenommen ist. Ein Glückstreffer? Aber ganz sicher.

Warum die Aufregung so groß ist, erschließt sich auf den ersten Blick nicht. Laura Gilich und Jana Hülsey aus Rietberg hingegen können den Hype durchaus nachvollziehen. Mit ihr sind wir losgezogen, um verstehen zu können, woher die Faszination rührt. Jana (18) und Laura (23) sind unschwer als Pokémon-Jägerinnen zu erkennen: Ihre Smartphones in Augenhöhe scannen sie die Umgebung ab nach einem dieser Wesen, das sich dort niedergelassen haben soll. Statt eines Taschenmonsters stehen da allerdings nur zwei Rentner, die in ein Gespräch vertieft sind. Was soll’s. Die Stadt ist voll mit diesen kleinen Wesen, die es zu fangen und danach zu trainieren gilt. Ja, richtig gehört: Hier wird nicht geballert, hier wird gemästet. Und zwar mit Sternenstaub und Bonbons. Pokémons werden gesucht, gefunden, eingefangen, gefüttert und in den Kampf geschickt – gegen ihre eigenen Artgenossen. Hört sich martialisch an, ist aber halb so wild.

Aber es wird noch besser: Eine der Arenen ist im sonst so beschaulichen Klostergarten eingerichtet worden, eine andere existiert beispielsweise am Südtor. Dort lassen unzählige Spieler ihre durchtrainierten Taschenmonster gegeneinander antreten. Das Ziel: die Kampfbahn einzunehmen.

Mehr zu diesem Thema auf unserer Rietberg-Seite am Donnerstag, 20. Juli 2016

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