Übers Ortsschild zurück in die Heimat
Foto: Daub
Wiedersehen: Großmutter Gisela Hünemeier wurde von ihrem Enkel Florian geherzt. Sie war vor fünf Jahren bei seiner Verabschiedung am Ortseingangsschild an der Mastholter Straße auch dabei gewesen.
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Nach einem halben Jahrzehnt schloss der Zimmermannsgeselle seine Angehörigen, allen voran Oma Gisela Hünemeier (71), in die Arme. Die Wanderschaft war eine schon lange beschlossene Sache gewesen, als „Floh“, wie seine Arbeitskollegen den als gutmütig und kameradschaftlich bekannten Rietberger nennen, sich im November 2015 endgültig von seinem Arbeitgeber Erasmus Drücker und damit von seiner Lehrzeit verabschiedete. „Ich wollte einfach mal die Welt kennenlernen“, sagt Florian Hünemeier (28). „Ich wollte viel erleben.“

Kapstadt-Aufenthalt als Krönung

Das hat er wohl auch: Zu Fuß, später auch als Anhalter und in öffentlichen Verkehrsmitteln hat er Europa durchquert, ist bis ins kalte Island gestiefelt und hat seiner Reise als „Tippelbruder“, wie Wandergesellen traditionell genannt werden, mit einem Arbeitsaufenthalt in Kapstadt, Südafrika, gekrönt.

Zu zweit schlägt man sich unterwegs besser durch, vor allem, wenn einer schon ein bisschen Erfahrung mitbringt: Zimmermannsgeselle Mike aus Potsdam half beim Start mit – „Floh“ absolvierte mit dem Kumpel aus Weimarer Tagen die ersten Dutzend Kilometer.

Verbuddelte Flaschen fallen Bauarbeiten zum Opfer

Als er im Beisein von Freunden und Familie im November 2015 in der Grasnarbe unterhalb der gelben Ortstafel unweit des Autohauses am Südtor stand, verbuddelte er eine Flasche Korn und eine Plastikflasche, in der Zettelchen steckten: Glück- und Segenswünsche seiner Familie und Freunde. Diese Schätze wollte er nun bei der Rückkehr wieder ausgraben, doch da war nichts mehr zu finden. Eine Anliegerin der Mastholter Straße klärte ihn auf: „Um das Schild herum haben Telekom und andere Fachfirmen den Boden aufgerissen.“

Mit Hut, Stab und Bündel

Vor fünf Jahren war „Floh“ auf dem Sprung in die weite Welt: Er schwenkte den schwarzen Hut. Man sah ihn mit Mike in Richtung Mastholte marschieren, Wanderstab und ein Bündel dabei. Er durfte sich nicht mehr umwenden und zurückgrüßen. Das Wanderleben begann, in der Hosentasche seiner schwarzen Kluft klimperten fünf Euro – mehr erlaubt die Tradition nicht.

Lebensunterhalt mit Handwerk verdient

Um zu überleben, musste er Schritt für Schritt seinen Lebensunterhalt verdienen, also seine Fähigkeiten als Handwerksgeselle beweisen. Die Unternehmen auf dem langen Weg waren, sofern sie sich gegenüber der Handwerkerzunft verpflichtet sehen, gehalten, ihm Arbeit und Quartier anzubieten.

30 Arbeitsstellen in fünf Jahren

Deutschland, Dänemark, Schweiz, Portugal, Island, Norwegen – und danach ging’s nach Südafrika: Der Rietberger Zimmermann Florian Hünemeier hat in fünf Jahren 30 Arbeitsstellen angetreten. Er besitzt ein „Stempelbüchlein“, in dem ihm die Arbeitgeber bescheinigt haben, dass er sich als tüchtiger Handwerker bei ihnen aufgehalten und sein Geld verdient hat.

„Gammelhai“ mit Branntwein gelöscht

In Island („Eisland“) blieb „Floh“ sieben Wochen. In dem Inselstaat im äußersten Nordwesten Europas erlebte er die Menschen als gastfreundlich, aber als Fachmann kritisierte er: „Die bevorzugen keinen schönen Holzbau.“ Es werde zu viel Beton und Blech verwendet. Er habe die Nordlichter gesehen und die wegen ihres beißend-abscheulichen Geruchs berüchtigte isländische Spezialität „Gammelhai“ probiert, die ihm ein listiger Insulaner angeboten habe. „Ein Bröckelchen, etwa ein Zentimeter lang, hat gereicht. Darauf habe ich einen Brennivin benötigt.“ Das ist ein Branntwein, der aus britischem Korn und isländischem Vulkanwasser hergestellt wird.

Engagement von Multimillionär

Zehn Wochen blieb er 2018 in Norwegen, dann hatte er so viel Geld gespart, dass er sich einen Flug nach Südafrika leisten konnte. In Kapstadt engagierte ihn und zwei weitere Wandergesellen, Dominik aus Freiburg im Breisgau und den Schwaben Boris, ein deutscher Multimillionär. Er wies sie an, einen prächtigen privaten Kinderspielplatz für seine Enkel zu erbauen. Florian: „Als wir die 50 Kilo schweren Zementsäcke selbst schleppten, wurden wir von den weißen Arbeitern schief angesehen, aber das war uns egal.“

Rassismus in Südafrika

Sein Kumpel Dominik, der ihn auch bei seiner Rückkehr in die Stadt der schönen Giebel begleitet hat, schilderte es deutlicher: „Die Schwarzen haben geschuftet, die Weißen standen mit der Trillerpfeife daneben. Noch immer herrscht dort Rassismus pur.“ Sie sprachen über diese Thematik mit dem Arbeitgeber, ihr gemeinsamer Tenor: „Die schwarzen Kumpel sind doch Menschen wie wir.“ Doch der Mann, der im Getränkegroßhandel zu Reichtum gekommen war, sei „nicht einsichtig“ gewesen.

Von Herzlichkeit der Menschen beeindruckt

Das schönste Erlebnis für „Floh“ während seiner fünfjährigen arbeitsreichen Reise um die Welt? Da muss er nicht lange überlegen: „Es war eine Geburtstagsfeier mit Menschen aus Simbabwe im Township von Kapstadt. Die unglaublich große Herzlichkeit dieser Menschen aus verschiedenen Ländern der Welt, die in den Barackensiedlungen ums Überleben kämpfen, hat mich beeindruckt. Da habe ich erkannt, dass das, was in einem Menschen steckt, viel wichtiger ist als sein äußeres Erscheinungsbild.“

Willkommensparty fällt Corona zum Opfer

Wieder zurück in der Heimat fordert das Corona-Virus auch von dem Wandergesellen seinen Tribut: Mutter Barbara Boklage (51), Schneiderin, Vater Frank (52), Hufpfleger in Warburg, Bruder Nils (26), Student der Erziehungswissenschaften, und Onkel Sebastian (34), Lackierer, hatten für „Floh“ eine Willkommensparty organisiert. Doch die musste wegen der Pandemie entfallen. Mit dabei gewesen wären zwölf ganz in Schwarz gekleidete Besucher: Gesellen und Gesellinnen der Zimmermannszunft. Sie waren zu Florian Hünemeiers Heimkehr aus Bayern und SchleswigHolstein angereist.

Ex-Arbeitgeber öffnet Tür

Und was kommt jetzt? Florian, so versichert sein früherer Arbeitgeber Erasmus Drücker, könne wieder bei ihm anfangen. Seine ganz persönliche Lebensreise geht für „Floh“ also weiter.

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