Werkschau ist ein temporäres Denkmal
Bild: Nienaber
Mit den stilvollen Lichtbildern haben sich die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen trotz ihrer prekären Lage ihre Würde bewahren wollen, sind sich Museumsdirektor Professor Dr. Jan Carstensen und Projektleiter Hauke-Hendrik Kutscher (r.) einig. Dementsprechend werden die Schwarz-Weiß-Fotografien des Rietberger Ateliers Kuper im Freilichtmuseum Detmold in einem würdevollen Rahmen präsentiert.
Bild: Nienaber

Pünktlich zum Saisonstart am 1. April wird die Fotoschau mit dem Namen „Geraubte Jahre“ im Paderborner Dorf der Einrichtung eröffnet. Als dem LWL vor rund 15 Jahren gleich kistenweise belichtete Glasplatten aus der ehemaligen Fotoschmiede der Emsstadt in die Hände fielen, ahnten die Beteiligten noch nicht, welchen Schatz sie dort zu Tage gebracht hatten. Aus mehr als 2200 Porträts und Gruppenbildern setzte sich der Fundus zusammen, der fortan als Quelle für verschiedene Ausstellungen dienen sollte. Nach „Rietberger Frauen“ und „Starken Männern“ liegt der Fokus nun auf Menschen, die außer im damaligen Atelier an der Rathausstraße eher selten im Rampenlicht gestanden haben dürften.

Bilder mit Geschichte und Tiefgang

„Als wir die Glasplatten durchgesehen haben, war uns ziemlich schnell klar, dass es eine Reihe von Porträts und Gruppenaufnahmen gibt, die anders sind als die anderen“, beschreibt Museumsdirektor Professor Dr. Jan Carstensen den ersten Eindruck. Statt adrett gekleideter Bürger sind es Männer in verblichenen Uniformen der französischen Armee, die vor der Kamera des Lichtbildners stehen. Auch junge Frauen, oftmals in zu großer, offensichtlich zusammengeliehener Feiertagskleidung, sind zu sehen, wie sie sich in Kleingruppen vor der Linse von ihrer Schokoladenseite zeigen. Nach einer genauen Betrachtung jedes einzelnen Details der postkartengroßen Schwarz-Weiß-Negative gelangten die Museumswissenschaftler zu der Annahme, dass es sich um Kriegsgefangene und Zwangsarbeiterinnen handelt.

Dass sich Opfer des NS-Regimes in Pose warfen und Porträts anfertigen ließen, sei nichts Ungewöhnliches, erläutert Projektleiter und Ausstellungskurator Hauke-Hendrik Kutscher. „Zwangsarbeiter haben sich trotz ihrer prekären Lage in die Hände von professionellen Fotografen begeben, um persönliche Erinnerungsbilder, Geschenke für Freunde oder Grüße an die Verwandten daheim herstellen zu lassen“, sagt der Historiker. Allerdings, so betont Kutscher, sei dies zumeist ein Privileg der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter aus dem Westen gewesen. „Gefangenen aus Osteuropa blieb dieser Luxus aus rassenideologischen Gesichtspunkten meistens verwehrt“, betont Kutscher.

Den namenlosen Menschen ein Gesicht geben

Den namenlosen Menschen ein Gesicht zu geben, sei die schwierigste Aufgabe für das Team der Museumswissenschaftler gewesen, sagt Museumsdirektor Carstensen. Schließlich haben die Schwarz-Weiß-Fotografien eines gemein: Trotz mehrmaliger Aufrufe in Rietberg, die Hinweise zu den Identitäten liefern sollten, blieben die Fotografierten anonym. „Das liegt daran, dass es nur noch wenige Zeitzeugen gibt“, erläutert Kurator Hauke-Hendrik Kutscher. Zudem hätten die Kriegsgefangenen seinerzeit nur wenig Kontakt zur Rietberger Bevölkerung gehalten. Lediglich drei Schicksale haben sich laut Kutscher aufklären lassen – von Männern, die sich in der Kriegsgefangenschaft in Rietberg auf irgendeine Art und Weise wohlgefühlt haben müssen. So wie der Unteroffizier André Garnier, der das vom Atelier Kuper hergestellte Porträt als Papierabzug mit persönlicher Widmung der Familie Wilhelmstroop hinterließ, bei der er arbeiten musste. „17.1.43“ ist das Foto datiert.

Auch Pierre Robin scheint seine Zeit in der Emsstadt gut im Gedächtnis geblieben zu sein. 50 Jahre nach seinem Arbeitseinsatz in Westfalen schickte Robin dem Ehepaar Aufderheide eine Weihnachtspostkarte. Der Franzose hatte auf dem Hof des Onkels des Rietbergers geschuftet und das junge Paar im Lauf der Zeit näher kennengelernt. Aus dem zögerlichen Briefwechsel entwickelte sich schließlich eine rege Freundschaft, die wechselseitige Besuche mit sich brachte.

So würdevoll sich unter anderem Pierre Robin und André Garnier ablichten ließen – Hauke-Hendrik Kutscher: „Sie wollten ein selbstbewusstes Bild von sich schaffen“ –, so würdevoll werden die Fotos im Rahmen der Ausstellung „Geraubte Jahre“ präsentiert. Museums-Lichtbildexperte Berthold Socha hat die zahlreichen Glasnegative in mühevoller Fleißarbeit gesichtet, Kontaktabzüge erstellt und die Porträts und Gruppenaufnahmen der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter auf feinem Baryt-Papier vergrößert. Das fertige Werk ist in der Ausstellungsscheune im „Paderborner Dorf“ zu bestaunen.

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