Erinnerung als Geheimnis der Versöhnung  
Bild: Tschackert
Auf diesem Areal endete die Odyssee von 830 jüdischen Frauen. Amerikanische Truppen nahmen sich ihrer an und richteten in Kaunitz ein Camp ein – ein Lager für diese heimatlosen Frauen.
Bild: Tschackert

 Der Heimatverein Verl erinnerte mit einer Fahrradtour am Karfreitag an die Ereignisse von damals. Dabei ergab sich eine Diskussion über den Umgang mit der eigenen Geschichte, die Aufarbeitung gegen das Vergessen und das Rekapitulieren der Ereignisse. Zuvor zeigte der Heimatverein eine Dokumentation, die beim Besuch einiger Überlebender 1995 entstand. „Erinnerung ist das Geheimnis der Versöhnung“, sagte Siegrid Brandner (SPD) als stellvertretende Bürgermeisterin 1995 bei der Enthüllung des Gedenksteins am Kaunitzer Sportplatz, der an die Befreiung von 830 Jüdinnen vor 70 Jahren in Kaunitz erinnern soll. 20 Jahre später ist sie froh, dass dieses Denkmal durch die runden Jahrestage aus der Versenkung wieder ins Bewusstsein gerückt werde, so Brandner. „Wirklich angenommen wurde dieses Denkmal von den Kaunitzern nie“, kritisiert Bernhard Klotz das wenig ausgeprägte Geschichtsbewusstsein der Verler Bevölkerung – nicht nur im Umgang mit den Geschehnissen während der Nazi-Zeit. Tatsächlich ist es nicht Verler Bürgern, sondern Schülern einer Arbeitsgemeinschaft der Anne-Frank-Gesamtschule Gütersloh zu verdanken, dass die Geschehnisse um den 1. April 1945 einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurden und damit den längst überfälligen Aufarbeitungsprozess in Gang gebracht haben. Die Auseinandersetzung fiel in den 90er-Jahren kontrovers „und teils sehr heftig aus“, erinnert sich die SPD-Politikerin. „Auf Bürgerversammlungen ging es richtig zur Sache“, erzählte sie den mehr als 30 Teilnehmern am Denkmal. „Die jüngeren waren klar für eine Auseinandersetzung, die Älteren haben dicht gemacht.“ Wie umstritten selbst die Diskussion um die Errichtung eines Denkmals unweit der Stelle war, an der die Jüdinnen von Amerikanern aufgelesen wurden, zeigt, dass die Kaunitzer Bevölkerung auf keinen Fall ein Hinweisschild haben wollte. Mit der Zeit geriet das Denkmal, das von Buchenhecken umrahmt und fast unsichtbar ist, am Kaunitzer Sportplatz dennoch immer mehr in Vergessenheit. Klaus Brandner schlug vor, mit Blick auf den 75. Jahrestag der Befreiung, die Geschehnisse in Kaunitz an Verler Schulen und im Unterricht zu thematisieren, damit die die Grausamkeiten der Nazi-Diktatur weiter aufgearbeitet werden. „Aufarbeitung ist ein Prozess, der eigentlich nie abgeschlossen ist“, sagte der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete und Staatssekretär Brandner.

Hintergründe zu der Befreiung der jüdischen Frauen vor 70 Jahren lesen Sie in der Dienstagsausgabe der „Glocke“.

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