„Hölle auf unerklärliche Weise überlebt“
Bild: Stickling
Das Heimathaus fasste die Teilnehmer nur knapp, die sich den Abend mit dem Wiedenbrücker Hugo Heinemann (links) nicht entgehen lassen wollten. Unser Bild zeigt den Auschwitz-Überlebenden mit Martin Holzmeier vom Heimatverein.
Bild: Stickling

Der Wiedenbrücker zählt zu den Zeitzeugen, die sich immer wieder der Qual der Erinnerung stellen, damit die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs nicht vergessen werden. Oft ist er in Schulen zu Gast. Auch in Verl begegnete er Menschen, die angesichts seiner Schilderung vor Betroffenheit verstummten.

Doch Heinemann, den seine Häftlingsnummer 104 946 am Unterarm jeden Tag an die Repressalien, an die tägliche Ermordung von Mitinhaftierten, an Hunger und seine über zwei Jahre andauernde Todesangst erinnert, rechnet mit seinen Peinigern nicht ab. „Das Schweigen ist die Hinterlassenschaft der Täter“, betont Heinemann. Der 88-Jährige will das Schweigen durchbrechen. Die Kraft dazu gibt ihm seine Familie.

1924 kam Hugo Heinemann in Dortmund auf die Welt. Als sogenanntem „Mischling“ – Halbjuden – wurden ihm 1935 alle Privilegien aberkannt. Er durfte weder eine weiterführende Schule besuchen noch einen Beruf erlernen. Er sah die zerstörten Geschäfte und die brennende Synagoge, erlebte die Hetzkampagnen gegen Juden und Roma. Seine Mutter verschwand spurlos, dann wurden auch sein Halbbruder und er deportiert. „Auf der Flucht erschossen“, war in der Todesnachricht seines Bruders zu lesen.

Eingepfercht in einen Viehwaggon, erreichte Heinemann Auschwitz, die berüchtigte Haftanlage. Kahlgeschoren und in Häftlingskleidung begann für ihn dort der Arbeitsalltag. Zweimal am Tag gab es Wassersuppe und etwas Brot. „Jeden Tag starben Mithäftlinge an Erschöpfung und Krankheiten. Auf den Appellplätzen wurden Menschen zur Abschreckung und willkürlich erschossen.“ Auch mit der Tötung der Menschen durch das Gift Zyklon B und der Verbrennung ihrer Körper wurden die Todgeweihten Tag für Tag konfrontiert.

Als sich in den letzten Kriegstagen russische Soldaten näherten, ließen die Wachleute das Lager räumen. „Wer während des tagelangen Marsches nicht mehr weiterkonnte, wurde auf der Stelle erschossen“, berichtet Heinemann.

Von 202 Häftlingen seien 70 in Gleiwitz angekommen. Das Regime habe Mitte der 30er-Jahre in Deutschland rund 750 000 sogenannte Mischlinge registriert. Er, so Heinemann, sei einer der wenigen „Nichtarier, die die Hölle in den Lagern von Auschwitz auf unerklärliche Weise überlebten“.

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