„Unwissenheit der Menschen ist enorm“
Foto: Steinecke
Will den Kontakt nicht abreißen lassen: Dem Ersten Beigeordneten der Stadt Verl, Heribert Schönauer, schwebt vor, eine Beratungsstelle für Werkvertragsarbeiter in der Helfgerdsiedlung in Sürenheide einzurichten.
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Die Verwaltung hätte geahnt, in welch bescheidenden Verhältnissen die Werkvertragsarbeiter dort leben, sagt der Erste Beigeordnete Heribert Schönauer im Gespräch mit dieser Zeitung. Aber: Den Wohnraum einfach kontrollieren darf die Kommune nicht. „Wir können nur handeln, wenn die Wohnungen überbelegt sind“, sagt Heribert Schönauer. Und Zugang zu den Menschen fand die Verwaltung bisher auch nicht. Zumindest bis die Zäune errichtet wurden.

Knapp 670 Menschen hat die Stadt Verl am 20. Juni unter Quarantäne gestellt. 400 von ihnen arbeiten über Subunternehmen bei Tönnies in Rheda. Der Zollhausweg wurde komplett abgesperrt, damit sich die Menschen draußen bewegen können. Die Stadt hat mit großem personellen Aufwand die Menschen dort betreut. Rund um die Uhr waren Mitarbeiter der Verwaltung vor Ort ansprechbar. Eine medizinische Versorgung wurde eingerichtet. Am vergangenen Freitag sind nahezu alle Zäune abgebaut worden. 85 Menschen bleiben zunächst noch in Quarantäne. Die Situation hat sich entspannt.

Arbeitskraft wird abgeschöpft

„Die Unwissenheit der Menschen ist enorm“, sagt der Erste Beigeordnete. Für ihn ist das das größte Problem. Viele Werkvertragsarbeiter in der Helfgerdsiedlung hätten nicht gewusst, dass sie eine Krankenversicherung haben. Dass ihnen eine Lohnfortzahlung zusteht, wenn sie krank sind. Dass sie Hilfe bekommen, wenn sie danach fragen. Ein Beleg dafür war die große Zahl an gezogenen Zähnen. Einige Notfälle fuhr die Stadt zu einem Mediziner in Halle, der auch mit dem Coronavirus infizierte Menschen behandelt. Dass auch Werkvertragsarbeiter zum Zahnarzt gehen können, hatte ihnen niemand gesagt. Jetzt wissen sie es. Und es waren viele, die Bedarf hatten.

Die Stadt hat sich gekümmert und sich so das Vertrauen der Menschen gesichert. „Die Verwaltung ist nicht Teil des Systems“, sagt Heribert Schönauer. Eines Systems, das viele Menschen in den vergangenen Jahren ausgenutzt hat. „Arbeitskraft abschöpfen. Das ist das System“, sagt der Erste Beigeordnete.

Stadt will Kontakt halten

Ihm schwebt ein Beratungsangebot direkt in der Helfgerdsiedlung vor. „Bisher fehlte uns der Zugang. Jetzt ist eine Gesprächsebene da. Die Leute haben uns positiv erlebt.“ Diese Basis soll Grundlage sein, um weiter in Kontakt zu bleiben. Heribert Schönauer will beim Land nach Fördertöpfen fahnden, um eine Beratung zu finanzieren. „Und wir werden auch auf die Politik zugehen. „Es muss schnell passieren“, sagt der Erste Beigeordnete über die Hilfen. Denn die Menschen bleiben nicht ewig. Einige nur drei, manche zwölf Monate. Schönauer hofft, dass sie den neuen Menschen aus Osteuropa mit auf dem Weg geben, dass die Stadt ein fairer Ansprechpartner ist, der hilft. Auch Sprachkurse in einfachster Form kann sich Schönauer vorstellen.

„Die Mängel, die Lebensbedingungen sind sichtbar geworden“, sagt Heribert Schönauer über die Krise der vergangenen Wochen. Die Stadt weiß jetzt sehr genau Bescheid. Und die Menschen in der Helfgerdsiedlung wissen, dass es die Verwaltung gibt. Und das soll so bleiben.

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