Vom Krämerladen zum Immobilienbüro
Bild: Tschackert
Noch ist der künftige Firmensitz von Sebastian Kraatz (links) an der Gütersloher Straße 96 eine Baustelle. Bald soll das Gebäude in modernem Indrustiechic Eindruck schinden. Dass das Gebäude wieder in altem, neuen Glanz erstrahlen wird, freut den ehemaligen Eigentümer Klaus Setter.
Bild: Tschackert

Gebaut wurde das Gebäude aber 1929 von Johann Kochtokrax, der dort eine Klempnerei betrieb. Rechts neben dem Geschäftsgebäude errichtete er ein Wohnhaus.

Alter Charme soll bewahrt werden

Eigentlich hätte Sebastian Kraatz das Gebäude an der Gütersloher Straße abreißen lassen müssen – zumindest vom finanziellen Aspekt gesehen. „Aber das wollte ich nicht. Vielmehr wollte ich dieses 90 Jahre alte Industrie-Gebäude mit seiner bewegten Vergangenheit wieder restaurieren. Die Idee fand ich spannender“, so der Bauherr, der am Jahresende mit seinem Immobilienunternehmen an die Gütersloher Straße 96 zieht. 

Der 40-Jährige hat die Schett-Fenster, die das Gebäude früher schmückten, wieder installieren lassen. So wie es vor 90 Jahren in den Bauplan gezeichnet wurde. „Es ist in Verl das einzige noch existierende Gebäude, das noch dieses für die damalige Zeit typische Dach für ein Industriegebäude hat“, sagt Kraatz. Nach Norden ausgerichtet fällt Tageslicht in das 150 Quadratmeter große künftige Bürogebäude.

1929 war das Gebäude dreigeteilt. „Vorne war ein Ausstellungsbereich, dahinter die Werkstatt mit Lager“, weiß Vorbesitzer Klaus Setter. Seine Mutter Anna Setter eröffnete dort 1946 den Krämerladen, den viele eingesessene Verler noch kennen. 1970 ließ sie die Trennwand herausreißen, um eine größere Verkaufsfläche zu bekommen. „Ganz hinten wurden Milchkannen ausgewaschen“, erzählt Setter. Die hatte sein Vater in den Ortsteilen ausgefahren. 51 Jahre und damit bis 1998 gab es das Lebensmittelgeschäft Setter. „Meine verstorbene Frau Monika hat es noch drei Jahre bis zu ihrem Tod nach meiner Mutter weitergeführt“, so der 64-Jährige.

Erinnerungen aus 50 Jahren als Krämerladen

Setter kann sich noch an viele Geschichten, die dort passiert sind, erinnern. Zum Beispiel an die, als ein Verler Metzger mit seinem Transporter in das Geschäft fuhr. Da sei er noch ein Kind gewesen, sagt Setter. „Ich habe noch gerufen, als der Metzger immer weiter auf das Schaufenster zuhielt. Mein Vater hat mich im letzten Moment wegziehen können, da krachte es auch schon“, erzählt er.

Den ehemaligen Besitzer des Gebäudes beschleicht zwar leise Wehmut, bald aus seinem Elternhaus ausziehen zu müssen, „aber wenn man stramm auf die 70 zugeht…“, sagt Setter und zuckt mit den Schultern. Dafür freut er sich, dass die alte Klempnerei wieder in altem, neuen Glanz erstrahlt. „Das ist dann schon ein Blickfang, wenn man an den Ort kommt“, findet der 64-Jährige, nachdem der gewerblich genutzte Teil neu verklinkert und verfugt worden ist. Dabei ist der künftige Firmensitz von Sebastian Kraatz noch eine Baustelle.

Umzug nicht ganz freiwillig

Bald soll das Gebäude in modernem Indrustiechic Eindruck schinden. Sichtbeton soll den ehemaligen Werkstattcharme als Bodenbelag unterstreichen. „Außerdem haben wir den Dachstuhl freigelegt, die alte Farbe mit Trockeneis entfernt und auch die T-Träger offen gelassen. Bodentiefe dunkelgraue Fenster und am Entree eine breite umlaufende Blende geben der alten Immobilie ein modernes Aussehen. „Ich freue mich schon darauf, hier einzuziehen“, sagt Kraatz. Das Wohnhaus, zu dem neben der alten Klempnerei auch noch 1500 Quadratmeter Grund gehören, will er vorerst vermieten.

Ganz freiwillig ist die Standortverlagerung seines Unternehmens allerdings nicht gewesen. „Da erzählt man den Kunden: Schafft euch Eigentum an, dann kann euch auch nicht gekündigt werden, und dann erwischt es einen selber“, sagt der 40-Jährige, der heute darüber schmunzeln kann. An der Sender Straße war er 15 Jahre beheimatet. „Man bekommt dort die Auswirkungen der Ortsumgehung zu spüren. Einerseits ist es ruhiger, sodass wir im Sommer wieder mit offener Tür arbeiten können. Auf der anderen Seite wird man auch weniger wahrgenommen.“ Der Unternehmer hofft, mit dem neuen Domizil auch optisch indirekt mehr ins Bewusstsein zu rücken.

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