Von einem Leben im „Land der Lüge“
Bild: von Stockum
Joachim Gauck begeisterte mehr als 500 Zuhörer in der Aula der Realschule.
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Irgendwie hat es dann aber doch noch geklappt mit seinem Buch „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“. Alles andere wäre ihm auch mehr als peinlich gewesen, räumt der Freiheitsdenker am Dienstagabend in Verl ein. Es ist eine Lesung zwischen Heiterkeit und nachdenklicher Stimmung, zwischen Faszination und Traurigkeit. Vieles von dem, was zu Zeiten des DDR-Regimes geschah, ist den meisten der 500 Zuhörer in der Realschule lediglich aus den Geschichtsbüchern bekannt. Joachim Gauck schafft es, mit den Gästen in die Historie abzutauchen, so dass das perfide System beinahe zum Greifen nah ist. Der evangelische Pfarrer weiß mit Sprache umzugehen und produziert eine Atmosphäre, die unter die Haut geht.

Ein Leben im „Land der Lüge“

Gaucks Erinnerungen beginnen mit dem „Winter im Sommer“ – der Zeit, in der sein Vater plötzlich unter einem Vorwand abgeholt wird und verschwindet. Jahre später – niemand wusste bis dahin, wo er steckt und ob er nicht schon tot ist – erreicht die Familie ein Brief von ihm aus einem Arbeitslager in Sibirien. Sein Ende findet das Buch mit dem „Frühling im Herbst“, den ersten zarten Trieben der friedlichen Revolution, die letzten Endes zum Fall der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands führte. Gauck zitiert aus eigenen Briefen und solchen von Familienmitgliedern, die auf beeindruckende Weise deutlich machen, wie es sich im „Land der Lüge“ lebt.

Wut, Zorn, Scham und auch Trauer über das Unrecht

Mit der Erinnerung an die „Unfreiheit“ ruft Gauck Gefühle wach, die den DDR-Bürgern einst verboten waren und die sie zum Teil abgetötet haben – Wut, Zorn, Scham und auch Trauer über das Unrecht. Viele aber wollten gar nicht zurückdenken, sondern lieber in einer Art Nostalgie schwelgen. Und darin sieht der Autor eine immense Gefahr, die nicht selten mit Sätzen wie „Es war ja nicht alles schlecht“ beginnt.

Auftritt wird zu einem Plädoyer für die Grundrechte

Die Freiheit ist Joachim Gaucks Thema. Wenn der Pastor, Bürgerrechtler und einstige Bundespräsidentenkandidat auftritt, erklärt ein Ostdeutscher den „Wessis“ den Wert ihrer Institutionen und fordert auf, sich einbringen und Demokratie zu gestalten. Sein Auftritt wird so zu einem Plädoyer für die Grundrechte. Grundrechte, von denen man als DDR-Bürger träumte, die Sehnsuchtsgefühle auslösten und an die es sich heranzurücken lohnt – „statt sich Ängsten hinzugeben“.

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