Wachsende Armut in einer reichen Stadt 
Bild: von Stockum
Verteilen montags und freitags von 10 bis 11 Uhr im evangelischen Gemeindehaus an der Paul-Gerhardt-Straße Lebensmittel an bedürftige Familien: (v. l.) Anita Loui, Kathrin Fuchs, Ingrid Schlecht, Elisabeth Pauli, Birgit Köker, Marita Arhelger, Jutta Witte-Vormittag, Anni Kruck und Christiane Holländer.
Bild: von Stockum

Eine Stunde später sind die Kisten gefüllt. Mit kiloweise Lebensmitteln für Menschen, die – so bitter es für die Betroffenen oft selbst klingt – arm sind. Seit fünf Jahren schon versorgt die Tafel Bedürftige in Verl. Das Thema Armut ist bedrückend, eins, worüber ungern gesprochen wird und das man als Betroffener am liebsten verheimlichen würde. Irgendwann aber ist für die insgesamt 80 Familien, die von der Organisation mittlerweile versorgt werden, ein Punkt erreicht, an dem es nicht mehr weitergeht.

Da verlässt der Vater Hals über Kopf die Familie und lässt die Mutter samt Kindern ohne Geld und mit einem leeren Kühlschrank zurück. Andre machen sich krumm zu einem solch miesen Stundenlohn, dass sie nicht wissen, wie sie mit ihrer Familie über die Runden kommen sollen. Wieder andere sind alleinerziehend und ob ihrer Söhne und Töchter an den Haushalt gebunden. Das Wenige, was sie vom Staat erhalten, ist bereits nach wenigen Tagen aufgebraucht.

 „Ich lasse niemanden im Regen stehen“, sagt Ingrid Schlecht, die von Anbeginn der Tafel in Verl dabei und dafür verantwortlich ist. Dabei kann sie auf die Unterstützung von weiteren 18 Aktiven sowie großzügigen Spendern zählen. Supermärkte aus Gütersloh stellen Lebensmittel zur Verfügung, Privatleute bringen kistenweise Obst, andere greifen in ihre Geldbörse. Das System funktioniert – und das muss es auch.

 2006 nämlich waren es gerade einmal 14 Familien, die die Tafel mit Lebensmitteln versorgte. Keine von ihnen zahlt mehr als drei Euro für das Verpflegungspaket, das sie sich einmal in der Woche abholen dürfen. Heute allerdings sind es annähernd 300 Personen. Also setzt die Organisation auch auf andere Formen der Unterstützung. So bietet sie regelmäßig Kochkurse an, in denen die Teilnehmer lernen, aus dem Wenigen schmackhafte Mahlzeiten zuzubereiten. Regelmäßig sind die Familien auch zu großen Treffen eingeladen.

Gerade am Anfang ist die Scheu groß, die Angebote der Verler Tafel in Anspruch zu nehmen. „Die Menschen kommen hier sicherlich nicht erhobenen Hauptes herein“, sagen Ingrid Schlecht und ihre Mitstreiter. Und: „Man sollte nicht meinen, dass es in einer reichen Stadt wie Verl so viele Bedürftige gibt.“ Jeder von ihnen muss seine Armut nachweisen. Über Bescheinigungen von Ämtern legen sie ihre Einkünfte offen. „Wer unsere Hilfe braucht, der soll sie auch bekommen“, sagt Ingrid Schlecht. Gleichwohl weiß sie um die Hemmschwelle, die viele der Betroffenen zunächst überwinden müssen.

Für November hat die Verler Tafel erneut eine große Frühstücksaktion für Kinder aus bedürftigen Familien geplant. Dank einer Spende der Kreissparkasse Wiedenbrück sind ähnliche Aktionen in der Vergangenheit stets zu einem satten Erfolg geworden. Es wurde gegessen und getrunken, außerdem gab es kleine Geschenke. Um so etwas erneut durchführen zu können, sind die Initiatoren auf Spenden angewiesen.

Das kann in einmaliger Form oder über eine Mitgliedschaft geschehen (Jahresbeitrag: 13 Euro). Auch Lebensmittel werden angenommen. Für Weihnachten ist erneut eine Päckchenaktion geplant. Dabei soll jede notleidende Verler Familie einen Schuhkarton mit besonderen Dingen erhalten, um das Fest angemessen feiern zu können. Wer helfen möchte oder Informationen braucht, sollte sich an Ingrid Schlecht, Telefon 05246/3745, wenden.

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