Missbrauch: 140 Geistliche unter Verdacht
 Bild: Lübke/dpa
Aufklärung durch die Kirche in Missbrauchsfällen - nicht mehr als ein frommer Wunsch? Betroffene beklagen, dass in der Vergangenheit vieles vertuscht wurde und erwarten von der in Münster gebildeten Kommission endlich rückhaltlose Aufklärung. 
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Und das sind nur die bislang gemeldeten Fälle, darunter auch aus dem Kreis Warendorf.

Leiter der Kommission ist Dr. Thomas Großbölting (Bild), Professor für Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Seminar der Universität Münster. Zu den prominenten Fällen, die untersucht werden, sind die eines ehemaligen Warendorfer Pfarrers, der nach seiner Versetzung nach Wesel-Büderich erneut übergriffig geworden war, und eines Vikars, der wegen sexuellen Missbrauchs aus einer Pfarrei Neuscharrel entfernt und später unter anderem in Stromberg im pastoralen Dienst tätig war („Die Glocke“ berichtete ).

Kommission noch in der Startphase

Nach Auskunft des Koordinators der Studie, Professor Dr. Klaus Große Kracht, ist die Kommission und damit die auf zwei Jahre angelegten Studie derzeit noch in der Startphase. Ab März sei sie komplett mit vier Wissenschaftlern besetzt. Untersucht werden sollen in einem Projektraum bis März 2022 alle aktenkundigen Vorfälle seit 1945 – egal, ob die Beschuldigten noch im Kirchendienst oder auch bereits verstorben sind. Dazu sei der Kommission uneingeschränkte Akteneinsicht in den bischöflichen Archiven zugesichert worden.

Es gehe einerseits darum, Missbrauchsfälle zu ermitteln, andererseits aber auch, den Umgang der Kirchenoberen mit ihnen bekanntgewordenen Taten und Tätern zu untersuchen. Aus wissenschaftlicher Sicht sei es aber unbedingt erforderlich, neben der Täter- auch die Opferseite in den Fokus zu nehmen.

Über Beirat Betroffene einbinden

Daher soll laut Große Kracht ein Beirat mit bis zu acht Mitgliedern gebildet werden, in dem Betroffenenvertreter mitarbeiten. Dazu gehört auch Martin Schmitz aus Rhede, der als einer der bisher wenigen mit vollem Namen mit seinem Fall an die Öffentlichkeit gegangen ist. Er hat eine Selbsthilfegruppe gegründet, an die sich Betroffene -nicht nur aus Rhede- wenden können: www.selbsthilfe-rhede.de.

Schmitz sagt, er sei mehrmals, zum ersten Mal als Zehnjähriger 1971, von einem Kaplan in Rhede missbraucht worden. Er geht heute davon aus, dass es bis zu 30 weitere Betroffene dort gibt. Erst 2012 hatte er sich mit einem „Antrag auf Anerkennung des Leids“ an das Bistum gewandt. Obwohl die Fälle von Rhede inzwischen öffentlich thematisiert wurden, spricht Schmitz von einem Mangel an Konsequenz bei der Aufarbeitung: „Es erstaunt mich, dass die Kirche so tut, als würde jetzt alles vom Himmel fallen. Die Fälle sind alle bekannt, und die Verantwortlichen wissen darum.“

Bischof versetzt Pädophilen lediglich

Der pädophile Geistliche, der ihn missbraucht habe, sei vom damaligen Generalvikar, dem späteren Bischof von Münster, Dr. Reinhard Lettmann, lediglich versetzt worden. Mittlerweile sei klar, dass er sich an mindestens elf Kindern vergangen habe, sagt Schmitz, mit dem „Die Glocke“ ein ausführliches  Interview führte, in dem er über seine eigene Geschichte und seine Kritik am bisherigen Umgang der Kirchenoberen mit gemeldeten Missbrauchsfällen spricht.

Dieses Interview lesen sie in den Ausgaben der „Glocke“ im Kreis Warendorf vom 11. Januar.

Uni-Kommission setzt auf weitere Hinweise

Wer waren die Täter? Welche situativen und strukturellen Momente begünstigten die Taten? Und wie reagierten die Kirchenleitungen auf die Vorwürfe gegen einzelne Priester, aber auch das kirchliche Umfeld in den Gemeinden auf die häufig nur angedeuteten Vorfälle?

Das Forscherteam der Uni Münster bittet Betroffene und Personen, die von sexuellem Missbrauch durch Priester und Diakone des Bistums Münster in den Jahren 1945 bis 2018 erfahren haben, um ihre Mitarbeit. Mit Hilfe von Interviews sollen Informationen gesammelt werden, die sich in den kirchlichen Akten nur ansatzweise niedergeschlagen haben. Auf diesem Weg hoffen die Forscher, ein genaueres Bild von den Vorgängen zu gewinnen.

Anonymität wird zugesichert

Dem Persönlichkeitsschutz der Betroffenen komme dabei höchste Priorität zu, sagte Projektkoordinator Professor Dr. Klaus Große Kracht im „Glocke“„-Gespräch. Die Mitarbeiter des Forschungsprojektes seien zur Verschwiegenheit verpflichtet. Auskünfte und Interviews würden vertraulich behandelt, alle Informationen werden anonymisiert.

Wer Fälle benennen und zur Aufklärung beitragen kann, erreicht das Forscherteam per Telefon unter Telefon 0251 / 8323178 oder per E-Mail unter missbrauchsstudie@unimuenster.de.

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