Sehnsucht nach verruchter Tangobar
Bild: Ebert
„He talks that shit“: Sharon Kovacs tummelt sich im Rotlicht und verteilt mit rauer Stimme Schwermut.
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250 Gäste sind der Einladung des „Münsterland Festivals part 8“ gefolgt. Jeder Zuhörer könnte zu den Altersgenossen von Kovacs Eltern zählen. Die 25-jährige Künstlerin, deren Songs und Videos in den Streaming-Portalen ganz oben gehandelt werden, spricht offenbar vor allen die Ü 45-Generation an. Sharon Kovacs überlässt die Bühne zu Beginn ihres Gastspiels ihrer sechsköpfigen, erstklassig besetzten Band. Die Combo schafft es, dem Nottbeck-Saal eine Konzert-Atmosphäre zu verleihen.

Schwermut en masse

Dann tritt Kovacs aus dem Schattenspiel: „Whisky & fun“. Ab diesem Moment ist der Raum in rotes und blaues Licht getaucht. Düster, fast bedrückend ist der visuelle Eindruck. Kovacs merkwürdige Kopfbedeckung gibt kaum einen Blick auf ihr Gesicht frei. Dieses Versteckspiel passt zum Vortrag der zierlichen Frontfrau. Dafür, dass sie 80 Minuten Melancholie versprüht, erntet Kovacs immer wieder Applaus. „My Love“, der populärste Song, verfehlt bei den Zuhörern seine Wirkung nicht. Die erste Reihe wiegt sich im Rhythmus. „This sound of the underground“ und „Sunday dress“ forcieren diesen Effekt. Mit rauchig-rauer Stimme überschüttet die junge Niederländerin ihre Zuhörer mit Schwermut. Dieser Jazzpop hat viele Mütter: „Night of the nights“ würde Sade nicht besser interpretieren, Marla Glenn und Shirley Bassey mit „Fool like you“ nicht mehr Gänsehaut produzieren. Mystisch bewegt sich die Sängerin über die kleine Bühne. Cello und Violine schüren die Sehnsucht auf einen Blick in eine verruchte argentinische Tango-Bar. Singt da in Haus Nottbeck gerade die musikalische Nachfolgerin von Amy Winehouse? Nach deren frühem Tod lechzt die Anhängerschaft der Britin nach einem solchen Talent wie Sharon Kovacs.

Schatten von 007

Die rollt den Teppich aus und pfeift über einen auf der Bühne stehenden Kaffeehaustisch: „Mr. Bojangles“. Der Song von Jerry Jeff Walker, der in den 1970er-Jahren zum Markenzeichen von Sammy Davis jr. wurde, zeigt spätestens, wo Sharon Kovacs ihre Wurzeln hat. Die kahlrasierte Sängerin intoniert „He talks that shit“ und man wird das Gefühl nicht los, dass die Holländer – nach dem jüngst in Deutschland bejubelten, traurigen Abgesang ihrer Fußball-Nationalmannschaft – neben den Tulpen mit Sharon Kovacs wieder einen zweiten Exportschlager besitzen. Die klagt genussvoll „The devil you know“ und man wird auch das Gefühl nicht los, Pierce Brosnan und Daniel Craig würden am Bühnenrand kurz auftauchen –James Bond eben.

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