Anwohner gehen auf die Barrikaden
Bilder: Detlef Peter Jotzeit
Dreck, Lärm, Ungeziefer: Sorgen um ihre Gesundheit machen sich die Anwohner im Bereich der Schinkel- und der Bergstraße in Ahlen. Sie protestieren gegen die geplante Müllumschlagshalle und die Brecheranlage auf den beiden Brachen.
Bilder: Detlef Peter Jotzeit

Bereits seit Wochen bringt die geplante Müllumschlagshalle, die beim Neubau des Baubetriebshof auf dem ehemaligen Güterbahnhofgelände miterrichtet werden soll, die aufgebrachten Nachbarn um den Schlaf. Seit kurzem steht zudem fest, dass die ehemalige Blomberg-Brache verkauft und von der Firma Haver genutzt werden soll. „Wir werden nun doppelt bestraft“, ärgert sich Annemarie Pietza (58) von der Bergstraße 133. Und Brigitte Donner-Trott ergänzt: „Unsere Gläser tanzen im Schrank, wenn die Haver-Anlage los legt und die tonnenschweren Lastwagen über die Straßen donnern.“

Ins gleiche Horn stößt Artur Reichelt (65). „Unsere Belastungen, die mit dem Baubetriebshof auf uns zukommen, werden durch Haver noch verschärft.“ Der habe mit seiner bisherigen Brecheranlage in der Kolonie schon viel Ärger heraufbeschworen, so Reichelt. Und das, obwohl die Anwohner dort relativ weit entfernt wohnten von der Abraumhalde.

Kein Verständnis habe er zudem dafür, dass der ehemalige SPD-Fraktionschef Norbert Bing nach seinen berechtigten Anmerkungen und dem Hinweis, dass die Anwohner angehört werden sollten, sofort mundtot gemacht worden sei mit dem Totschlagargument „Es werden Arbeitsplätze geschaffen.“ „Wenn da eine Brecheranlage hinkommt, reden wir eventuell über Asbest und noch ganz andere Sachen, die klein gehackt werden“, so Reichelt. Und der Staub komme auf der Bergstraße runter.

„Wenn ich gewusst hätte, was auf uns zukommt, hätte ich vor vier Jahren unser Haus nicht gekauft“, sagt Ines Borzyskowski (45) von der Bergstraße 113. Sorgen bereitet die Entwicklung auch Brigitte Donner-Trott. In der Siedlung, die früher einen gewissen Ruf gehabt habe, sei viel passiert, sagt sie. Durch zahlreiche Neu- und Anbauten sei das Image deutlich verbessert worden. Nun bestehe die Gefahr, dass sich das Ganze ins Gegenteil drehen könne. Bei dem zu erwartenden Lärm und Dreck wolle doch niemand mehr hier wohnen, befürchtet sie. Es heiße dann: „Nee, da ziehe ich nicht hin.“

Zudem sei es Augenwischerei, wenn behauptet würde, dass es eine Immobilienaufwertung ist, wenn die Blomberg-Brache weg sei. „Das stimmt nicht.“

„Die Verwaltung und die Politik nehmen uns wohl nicht für voll“

„Wer möchte schon – so wie wir – in Ahlen 100 Meter von einem Müllumschlagsplatz entfernt wohnen,“ fragt Birgit Pollmeier-Behrendt, die mit ihrer Kritik vor Wochen den Stein ins Rollen gebracht und die Interessengemeinschaft Bauhof mitgegründet hat. Sie bemängelt die Informationspolitik und die Beschwichtigungsversuche der Verwaltung. Lärm- und Geruchsbelästigungen seien programmiert.

„Ich habe Angst um meine Gesundheit“, ergänzt ihr Ehemann, Ralf Behrendt. Wo Biomüll in einer Halle, die nicht befiltert ist, nur abgekippt und umgeschlagen werde, herrschten ideale Bedingungen für Schimmelsporen, Fliegen und Ungeziefer. „Aber nicht für die Menschen, die in unmittelbarer Nähe wohnen.“

Für mehr Lebensqualität in ihrer Siedlung kämpfen in Ahlen (v. l.) Artur Reichelt, Ines Borzyskowski, Annemarie Pietza, Ulli Rammler, Brigitte Donner-Trott, Klaudia Tertilte, Reinhild Schubert, Birgit Pollmeier-Behrendt und Ralf Behrendt.
Um sich ein Bild von den zu erwartenden Belastungen machen zu können, habe er sich im Sommer bei Anwohnern des Müllentsorgungszentrums in Ennigerloh kundig gemacht, sagt Behrendt. Er habe mit Leuten gesprochen, die 500 Meter entfernt von der Anlage lebten. „Die haben mir gesagt, dass sie an manchen Tagen die Fenster nicht aufmachen können, weil es so stinkt. Und da will uns die Stadt Ahlen weismachen, dass das kein Problem ist.“

„Vielen Leuten war gar nicht bekannt, dass dort so eine Halle hinkommen soll“, berichtet Reinhild Schubert (61), die ebenfalls an der Schinkelstraße wohnt. Bei der Planung sei immer nur von einem Bauhof die Rede gewesen. „Das war eine bewusste Irreführung“, vermutet sie. Sonst wären sofort noch viel mehr Leute auf die Barrikaden gegangen.

„Die Verwaltung und die Politik nehmen uns wohl nicht für voll, weil wir ‚hinter der Bahn’ leben“, macht Ulli Rammler seinem Ärger Luft. Er kündigt an, weiter gegen die beiden Projekte kämpfen zu wollen. Zumal er sich schon in der Vergangenheit erfolgreich mit der Stadt angelegt habe, sagt er und verweist auf die Absperr-Einrichtung auf der Selma-Englisch-Straße kurz vor der Daimlerstraße, die den Lkw-Verkehr ausgebremst habe. Dafür habe er innerhalb von 14 Tagen 280 Unterschriften gesammelt.

An längst vergangene Zeiten erinnert sich auch Annette Tertilte. „Wir sind damals zur DKP gegangen, und die hat uns geholfen“, sagt sie. Dabei sei es um den geplanten Ausbau der Selma-Englisch-Straße für die Panzer gegangen, die zum Güterbahnhof fuhren. Die Nachbarschaft habe eine Sammelklage eingereicht und gewonnen. Und auch diesmal werde man sich nicht alles gefallen lassen, kündigte sie an.

Gespannt sind die Anwohner auf den nächsten Termin mit der Stadtverwaltung. Am alten Baubetriebshof findet am Mittwoch, 2. November, ab 17.30 Uhr ein Treffen statt. Dann werde Tacheles geredet, so ein Anwohner.

 

Zitate

„Die vom Bauhof haben um 16 Uhr Feierabend. Aber wir haben den Gestank Tag und Nacht. Dann sitzt Du im Garten und hält es dort einfach nicht mehr aus.“  Ralf Behrendt

 

„Viele haben sich etwas angeschafft fürs Alter. Wir besitzen auf der Bergstraße drei Häuser, davon sind zwei vermietet. Was halten wohl unsere Mieter davon, wenn wir hier jetzt so ein Dreck hinkommen. Die Häuser kann ich nicht einmal mehr verkaufen.“ Artur Reichelt

 

„Im Sommer ist mir extrem aufgefallen, dass im Garten beim Frühstück oder Grillen so viele Fliegen da waren und es oft auch stank. Meine Eltern wohnen in der Bauerschaft in Richtung Kläranlage, und die hatten nicht so viele Fliegen wie wir. Aber ich bin zunächst nicht darauf gekommen, dass es am Biomüll liegen könnte, der schon am Güterbahnhof abgekippt wurde.“  Sabine Gören

 

„Es sind nicht nur die direkten Anwohner betroffen. Auch Spaziergänger und Erholungssuchenden in der Langst werden die Nase rümpfen, weil es riecht. Darüber sollte man nachdenken.“  Birgit Pollmeier-Behrendt 

„Wir fordern die Auslagerung der Müllumschlagshalle und strenge Auflagen, um Lärm- und Geruchsbelästigungen zu vermeiden.“  Ralf Behrendt

 

„Uns ist klar, dass wir in der Nähe eines Industriegebiets wohnen. Aber ein Müllumschlagplatz muss da doch wirklich nicht hin. Das ist das Schlimmste, was es gibt. Man kann doch auch andere Gewerbebetriebe ansiedeln.“ Birgit Pollmeier-Behrendt

 

„Die werden versuchen, uns zu beruhigen und versprechen, was sie alles einbauen werden. Ob das aber ausreicht, bezweifle ich.“  Birgit Pollmeier-Behrendt

 

„Ich war am Bauhof und habe gefragt, wie die großen Container bei der Beförderung abgedeckt werden. Da hat man mir gesagt, mit einem Netz. Beim Biomüll ist aber doch auch Schimmel dabei. Und diese Sporen fliegen dann bei uns durch die Luft. Ich bin Allergikerin und habe schon jetzt Probleme. Ich mache mir Sorgen und finde das unmöglich.“  Brigitte Donner-Trott

 

„Wo sind die Politiker, die unsere Interessen vertreten?“  Annette Tertilte

 

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