Dialektatlas erfasst Ahlener Platt
Bild: Engelbrecht
800 Fragen stellt (v. l.) Dr. Petra Solau-Riebel (Universität Siegen). Dabei kommt Heiner Lüring ab und an ins Grübeln. Auch Hildegard Latzel stellte sich bereits dem Fragenkatalog.
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Damit tragen die beiden Mundartsprecher zur Erstellung des „Dialektatlas Mittleres Westdeutschland“ bei. Durchgeführt wird das Projekt von den Universitäten Siegen, Münster, Paderborn und Bonn. Ziel ist es, Dialekte in ganz NRW sowie in den angrenzenden Bundesländern Hessen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz zu erfassen, zu dokumentieren und zu untersuchen. Dr. Petra Solau-Riebel, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Uni Siegen, machte dafür nun Station in Vorhelm, Isendorf und Brockhausen und sprach dort mit vier Einheimischen.

Sesshafte Männer und Frauen Ü70

Kontakt hat Solau-Riebel über den Heimatverein gesucht. „Es war schwierig, Personen zu finden, vor allem Frauen“, berichtet Hildegard Latzel (Arbeitskreis Plattdeutsche Sprache). Die Kriterien: jeweils zwei Männer und Frauen, die älter als 70 Jahre, im Ort aufgewachsen und wohnhaft sind sowie im besten Fall mindestens einen Elternteil haben, der ebenfalls aus dieser Stadt stammt. Für das Projekt gewonnen werden konnten neben Hildegard Latzel (Vorhelm) und Heiner Lüring (Bauerschaft Isendorf) Bernhard Post (Bauerschaft Brockhausen) und Heinz Schlautmann (Vorhelm).

Katalog umfasst 800 Fragen

Ausgestattet mit Laptop und Aufnahmegerät macht sich Petra Solau-Riebel ans Werk und konfrontiert Heiner Lüring mit dem 800 Fragen umfassenden Katalog. Dazu gehören offene Fragen („Worauf kann man reiten?), Bilder, deren Motiv der 74-Jährige benennen (Küken) sowie hochdeutsche Sätze, die er laut vorlesen soll („Im Winter fliegen die trockenen Blätter durch die Luft herum“) – alles auf platt selbstverständlich. „Das ist wie Ping-Pong spielen“, sagt Petra Solau-Riebel. Und so wirft sie dem 74-Jährigen den Ball Schlag auf Schlag zu, und er ihn immer wieder zurück. Die Zeit verstreicht und nimmt den Berg an Fragen mit sich.

Lieblingswort „Appelschnut“

Abfragt werden bei einzelnen Wörtern jeweils Singular und Plural. Die Themen sind querbeet. Von Landwirtschaft, Tieren und Pflanzen über Zahlen bis hin zu Redewendungen und Schimpfwörtern. Ob wohl auch „Appelschnut“, eines von Lürings Lieblingswörtern, darunter ist? Solchen, im hochdeutschen eher roh klingenden Begriffen („Apfelschnauze“), kann der 74-Jährige generell viel abgewinnen. Denn die hören sich so einfach „netter, milder, entschärfter“ an, findet er.

Zwischen dreieinhalb und fünf Stunden dauert ein Gespräch. Lässt die Konzentration nach, wird eine Pause eingelegt oder Petra Solau-Riebel vereinbart einen zweiten Termin. Die Fragen kennt sie mittlerweile nahezu auswendig. Seit 2016 hat Petra Solau-Riebel bereits mehr als 100 Gespräche geführt. Langweilig werde es ihr dabei aber nicht, sagt sie. „Man kommt viel rum.“ Und: Sie taucht durch ihre Arbeit so tief in die verschiedenen Dialekte ein, wie wohl kaum ein anderer.

„Pöggsken finde ich schön“

Dass sie – im Siegerland aufgewachsen – selbst auch etwas platt spricht, erleichtert das Ganze und macht es umso interessanter. „Tiere haben immer einen besonderen Reiz“, hat sie während der zahlreichen Befragungen festgestellt. Im Münsterland hat es ihr das „Pöggsken“ (kleiner Frosch) angetan. „Das finde ich schön.“ Fasziniert ist sie auch von einigen Unterschieden zwischen den Dialekten. Die zeigten sich sogar im Vergleich Brockhausen-Vorhelm. „Es sind entweder vokalische oder konsonantische Abweichungen, oder es handelt sich sogar um ein ganz neues Wort.“ Von der Variation ist sie auch in ihrer Heimat im Siegerland begeistert. „Dort gibt es vier Worte für Kuh.“

Atlas wird nach und nach ergänzt

Auf die Ergebnisse am Ende des Forschungsprojekts freut sie sich schon jetzt: „Das ergibt einen richtigen Flickenteppich“, ist sie überzeugt. Anschauen und vor allem anhören kann man sich diesen digital. Nach und nach wird der Dialektatlas online ergänzt und mit den Tonaufnahmen bestückt. Gegen Endes des Jahres werden dann auch die Stimmen von Heiner Lüring und Co. abrufbar sein, nicht unter dessen Namen, aber unter einer Nummer.

Weitere Mundartsprecher im Kreis gesucht

Für den Dialektatlas werden noch weitere Mundartsprecher im Kreis Warendorf gesucht, und zwar in Lette, Stromberg, Diestedde und Holter. Wer Interesse hat, kann sich bei Petra Solau-Riebel unter 0151/28895487 oder per E-Mail an solau-riebel@germanistik.uni-siegen.de melden.

Projekt läuft bis 2032

Der Dialektatlas „Mittleres Westdeutschland“ (DMW) ist ein auf 17 Jahre (2016 bis 2032) angelegtes Projekt, in dem die systematische Erhebung sowie Auswertung und Interpretation von Dialekten beziehungsweise standardfernsten Sprechweisen zweier Sprechergenerationen im mittleren Westdeutschland durchgeführt wird. Als Orientierung dient der Wenker-Atlas, der erste und bis heute umfangreichste Sprachatlas überhaupt. 1879 fand auch eine Befragung in Vorhelm statt. In den nächsten Jahren werden in 1000 Orten (bis circa 8000 Einwohner) jeweils zwei Personen ab 70 Jahre befragt. Um auch den Sprachwandel zu dokumentieren, wird in etwa der Hälfte der Orte zusätzlich eine Befragung mit zwei Personen zwischen 30 und 40 Jahren durchgeführt.

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