Farbe organisiert sich selbst
 Aus den autonomen Bildformen entwickelt Jobst Tilman auch seine Objekte, die eins zu eins den Elementen in seinen Gemälden entsprechen.
Aus den autonomen Bildformen entwickelt Jobst Tilman auch seine Objekte, die eins zu eins den Elementen in seinen Gemälden entsprechen.
Aus den autonomen Bildformen entwickelt Jobst Tilman auch seine Objekte, die eins zu eins den Elementen in seinen Gemälden entsprechen.

Konkret? Ein solcher Begriff lässt Jobst Tilman förmlich aufschrecken. Denn als konkrete Kunst sieht der 70-Jährige seine Arbeit gar nicht. Minimalistisch lässt er als Begrifflichkeit gelten. „Kunsthistorisch ist er der Generation der Postminimaliten zuzuordnen“, stellt Dagmar Schmidt fest. Die Kunsthistorikerin hat sich bei der Vorbereitung der Ausstellung „Jobst Tilman – Anfang ohne Ende“ intensiv mit dem Werk des Künstlers beschäftigt und ist mit ei­nem zentralen Beitrag in der die Ausstellung begleitenden Monografie vertreten.

Ständiges Hinterfragen

Die Ausstellung im Kunstmuseum Ahlen blättert das Schaffen Tilmanns, das insgesamt 50 Jahre umfasst, schlaglichtartig auf, unter Vernachlässigung des frühen Frühwerkes. „Ich bin Niedersachse und Protestant“, konstatiert Tilman. Damit zählt er zu den Künstlern, die sich und ihr Werk ständig hinterfragen. Das führte dazu, dass er nach einer Tätigkeit als Kunsterzieher Anfang der 1980er Jahre einen radikalen Schnitt vollzog, privat, beruflich und künstlerisch, und in die Provence in ein kleines Bergdorf namens St. Restitut umzog.

Fasziniert von der Arbeit der Steinschneider in den Steinbrüchen, setzte er seine Eindrücke bildlich um. Es empfiehlt sich, den Besuch der Ausstellung im Neubau des zweiten Obergeschosses zu beginnen, denn hier ist diese frühe Phase dokumentiert. In den späteren Arbeiten kollidieren der Drang nach Ordnung mit den Prinzipien von Bewegung und Prozess. Bildgrund und Figur sind nicht mehr unterscheidbar und schaffen ein autonomes Bildsystem, wie Schmidt schreibt. In den 1990er Jahren entwickelt sich die Linie mehr und mehr zum Lieblingsmotiv, ohne dass es dem Künstler dabei um geometrische Präzision ginge.

Suche nach Ordnung

Im Gegenteil: Die serielle Reihung von geometrischen Figuren zeigt immer noch den Entstehungsprozess und verdeutlicht zugleich die Suche nach Ordnungsprinzipien im Chaos, das sich dem Versuch es zu kontrollieren, widersetzt. In den jüngeren Arbeiten bekommt es der Besucher mit autonomen Gebilden zu tun, die sich verselbstständigen und die Tilman seine „Protagonisten“ nennt. Sie sind nicht das Ergebnis einer gewollten Komposition, sondern sie entwickeln sich selbst. Dazu schüttet der Maler Farbe auf die Leinwand, die durch Bewegung verläuft. „Die Farbe organisiert sich selbst“, beschreibt Tilman den Prozess. Das Ergebnis ist oft schön, erklärt er. Aber durch Übermalung mit einem neutralen hellen Grau bändigt er die entstandenen Farbverläufe und entwickelt daraus die Protagonisten, die als große Flecken das Bild bestimmen. Unter den grauen Flächen schimmern oft noch die Farben durch.

Am heutigen Samstag, 7. März, wird die große Retrospektive des heute in Wiedenbrück lebenden Künstlers um 16 Uhr eröffnet. Es ist ein neuer Anfang.

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