Körperkontakt über den Kamm
Ulrich Gösmann
Desinfizieren nach jedem Schnitt: Volker Hagencord ist erleichtert, dass es endlich weitergeht.
Ulrich Gösmann

Doppelter Stress bei halbem Platzangebot: Körperkontakte über Kamm und Schere zwingen in Coronazeiten zu Kompromissen. Kein Kaffee, keine Illustrierte: Schnipp Schnapp, Hauptsache Haare ab. Friseurmeister Volker Hagencord hat sich seinen freien Salonmontag geschenkt. Sechs Wochen Zwangsschließung waren genug. Vier hätte er noch durchgehalten. Das Zurück in die Routine – für den Routinier Neuland.

Flatterband um jeden zweiten Sessel, die Spiegel rot-weiß durchgeixt und auch die halbe Theke Sperrbezirk: Ergebnis einer 17-seitigen Handlungsanweisung, die Hagencord in der Vorwoche studierte, um sein Comeback an der Schlütingstraße vorzubereiten. „Ich bin froh, dass es wieder losgeht“, sagt der 57-Jährige. Die Erleichterung überwiege, da nach erstem Eindruck funktioniere, was er sich ausgedacht habe.

Sechs Kolleginnen hatte der Salonbetreiber in die Kurzarbeit schicken müssen. Mit den 9000 Euro staatliche Soforthilfe habe es gut geklappt. Freitagmittag beantragt, den Donnerstag darauf schon auf dem Konto. Davon habe er die Märzgehälter bezahlt und einen Teil der Nebenkosten. Einen Monat Coronapause hätte sein Betrieb maximal noch verkraften können. „Dann“, so Hagencord, „wäre es eng geworden.“

Routine muss sich am Montagmorgen auf beiden Seiten erst noch finden. Haare schneiden – nur mit Termin und Kontaktdaten. „Ohne dürfen wir nicht und müssten unsere Kunden nach Hause schicken“, stellt der Inhaber klar.

Zusammengeschobene Sessel im Wartebereich: Wer zur Tür hereinkommt und seine Formalitäten erledigt hat, wird gleich zu seinem Platz begleitet. Maskenpflicht auch hier. Und immer wieder frische Einweghandschuhe für die, die sich für die Dauer eines Schnitts vom Sicherheitsabstand verabschieden müssen. Gleiches gilt für den Umhang.

Herren dürfen jetzt auch im Damenbereich Platz nehmen. Für sie sind zehn Minuten extra eingeplant, weil auch bei ihnen ohne vorheriges Waschen keine Schere klappert. Macht zwei Euro extra, die der Nassschnitt eh mehr gekostet hätte.

Traudel Angsmann ist erste Kundin. „Ich hätte noch ein bisschen aushalten können. Man gewöhnt sich dran“, erzählt die 79-Jährige, die dem Salon seit über 50 Jahren die Treue hält. Und scherzt: „Ich habe mir vorsichtshalber schon ein paar Zopfspangen geholt.“ Doch – Spaß beiseite: „Es ist schon gut, dass man wieder gepflegter aussieht.“

Timo Seiling hat sich einen Doppeltermin gesichert. Sohnemann Lukas (4) bekommt vom Drumherum wenig mit, weil es auf dem Laptop Spannenderes zu sehen gibt. Sein Vater freut sich derweil, gleich in der ersten Runde dabei zu sein. Der letzte Schnitt sei acht Wochen her. Wie lange er noch hätte warten können? Seiling lacht: „Minus vier Wochen.“

Das Telefon, das nahezu ununterbrochen klingelt, schellte in der Vorwoche ebenso munter in der Wohnung von Volker Hagencord und füllte blitzschnell den Kalender für zwei Wochen. Die Kunden seien allesamt entspannt und geduldig, bilanziert er. Klar habe es vorher auch schon vereinzelt Anfragen gegeben, ob nicht für einen Schnitt eine Ausnahme gemacht werden könne. Klare Antwort: Nein! Auch nicht für einen „wichtigen Geschäftstermin“.

von Ulrich Gösmann

SOCIAL BOOKMARKS