Mutmaßliche Vergewaltigung: Gericht hebt Haftbefehl auf
Bild: Münch
Über diese Videoanlage wurde der Prozess am Freitag in einen Nebenraum des Gerichtssaals übertragen, in dem der Angeklagte aus Ahlen während der Aussage der Nebenklägerin Platz nehmen musste
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Nach der Aussage des inzwischen 16-jährigen Mädchens und ihrer Mutter sah das Gericht keinen dringenden Tatverdacht mehr gegen den 25 Jahre alten Flüchtling. Die Einlassungen des Mädchens waren offenbar widersprüchlich.

Zu Beginn des Tages hatten sich die Beteiligten zunächst in Verfahrensfragen verhakt. Der Anwalt des Mädchens beantragte nicht nur den Ausschluss der Öffentlichkeit während der Vernehmung seiner Mandantin. Zudem forderte er die Entfernung des Angeklagten aus dem Saal. Seine Mandantin könne und werde in dessen Beisein nicht aussagen. Zur Untermauerung legte er ein Attest des Hausarztes vor, wonach das Mädchen auf das traumatische Erlebnis am 8. November 2017 mit autoaggressiven Handlungen reagiert habe und in einer Klinik habe behandelt werden müssen. Das Gerichtsverfahren würde die Jugendliche so stark beunruhigen, dass es zu Rückfällen kommen könnte.

Der Verteidiger des Angeklagten wies die Anträge der Nebenklage zurück. Der Ausschluss aus dem Gerichtssaal sei ein weitreichender Eingriff in ein Grundrecht. Laut UN-Menschenrechtskonvention stehe ihm ein Konfrontationsrecht mit der Gegenpartei zu, sonst könne er sich nicht angemessen verteidigen. Dies dürfe nur aus besonders gravierenden Gründen eingeschränkt werden. Die seien durch das nicht einmal unterschriebene Attest des Hausarztes nicht gegeben. Zumal es sich allgemein auf das Verfahren und nicht speziell auf den Angeklagten beziehe.

Die Kammer hatte aber noch einen jugendpsychiatrischen Gutachter geladen, der eine seelische Gefährdung der 16-Jährigen durch eine Konfrontation mit dem Angeklagten für möglich hielt. Er teilte auch mit, dass das Mädchen schon Jahre vor der Bekanntschaft mit dem Nigerianer psychische Probleme gehabt habe. Das Gericht zog sich zur Beratung zurück und gab dann beiden Anträgen der Nebenklage statt. Es stufte das Wohl des Mädchens höher ein als das Anwesenheitsrecht des Angeklagten. Der wurde daraufhin zusammen mit seinem Dolmetscher in einen bewachten Nebenraum geführt. Dorthin wurde der Prozess während der langen Zeugenaussage der Nebenklägerin mit Ton und Bild übertragen. Der Angeklagte hatte das Recht, über die Videoanlage Fragen zu stellen. Sein Verteidiger blieb allerdings im Gerichtssaal.

Schon zum Auftakt am Dienstag hatte der vorsitzende Richter mehrfach dazu ermuntert, offen auch über Dinge zu reden, die einem sonst schwer über die Lippen kommen: „Wir sind hier die Jugendschutzkammer und haben schon alles gehört, was vorstellbar ist.“ Nur durch tabulose Offenheit kann die Kammer aufzuklären versuchen, was wirklich geschah. Da es bei Sexualvorwürfen meist keine weiteren Augenzeugen gibt.

Immerhin sitzt der 25-jährige Flüchtling seit fünf Monaten in Untersuchungshaft. Die Anzeige des Mädchens, die ihn dort hingebracht hat, muss das Gericht deshalb genau prüfen. An ihrer Glaubwürdigkeit hatte am Dienstag ein Zeuge Zweifel geäußert. Der Prozess wird am 15. Mai fortgesetzt. Der Angeklagte bleibt wegen einer früheren Verurteilung durch das Amtsgericht Brühl weiter in Haft.

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