Rohlfs in digitalen Appetithappen
Martin Feldhaus
Dagmar Schmidt und Dr. Martina Padberg zeigen unterschiedliche Landschaften von Christian Rohlfs im Eröffnungsraum.
Martin Feldhaus

Ein Intellektueller oder gar ein reiner Theoretiker? Nein, das war der Künstler Christian Rohlfs (1849-1938) keineswegs. Wenn man sein umfangreiches Oeuvre in Gänze betrachtet, entpuppt er sich vielmehr eindeutig als Augenmensch. Einer, der äußere Eindrücke, die von Landschaften und anderen Naturmotiven ausgehen, wahrnimmt, und dessen Bilder dann in der intensiven Auseinandersetzung mit der Natur entstehen.

Auf die Spuren des langen künstlerischen Wirkens dieses Augenmenschen will die gleichnamige neue Ausstellung des Kunstmuseums die Besucher mitnehmen. Eigentlich sollte „Christian Rohlfs. Augenmensch!“ bereits am 29. November eröffnet werden. Doch die verschärften Corona-Maßnahmen machten der klassischen Vernissage einen Strich durch die Rechnung. Wer sich mit den Werken des wandlungsfähigen Malers auseinandersetzen möchte, kann dies zunächst digital tun.

Verschiedene Formate

Das Kunstmuseum möchte ab Ende der Woche verschiedene digitale Formate auf seiner Website sowie auf Instagram anbieten, um die Vorfreude auf eine analoge Begegnung mit dem künstlerischen Schaffen Rohlfs zu wecken. So soll es beispielsweise wöchentlich eine kurze Bildbesprechung geben. Kleine digitale Appetithappen, die Lust auf mehr machen sollen. Denn „den Zusammenhang muss man vor Ort sehen“, wie Kuratorin Dagmar Schmidt betont.

Erst im Zusammenspiel der Bilder Rohlfs, der in Hagen und Weimar künstlerisch wirkte, wird nämlich deutlich, was sein Oeuvre ausmacht: Die rund 100 ausgestellten Werke aus allen Schaffensphasen bis kurz vor seinen Tod spiegeln eine enorme Wandlungsfähigkeit wider, die Rohlfs auch die Anerkennung deutlich jüngerer Künstlerkollegen einbrachte.

Ausgehend vom Realismus des 19. Jahrhunderts führten Experimentierfreude und Offenheit Rohlfs zur impressionistischen Landschaft. Anfang des 20. Jahrhunderts, mit bereits über 50 Jahren, verstärkte er die Bewegungskraft in seinen Bildern und fand kurze Zeit später dann auch zu expressionistischen Ausdrucksformen. Vorwiegend religiöse Darstellungen während des ersten Weltkrieges und sein außergewöhnliches Spätwerk setzen weitere Schwerpunkte.

Doch an dieser Chronologie orientiert sich die Ausstellung nicht. Vielmehr begegnen sich hier Früh- und Spätwerk sowie unterschiedliche Motive und Techniken in ausgewählten Dialogen und eröffnen intensive Seherlebnisse. Jeder Besucher kann so „in der vergleichenden Bildbetrachtung selbst zum Augenmenschen werden“, wie Museumsleiterin Dr. Martina Padberg betont.

Schon der Eingangsraum zeigt verschiedene Herbst- und Winterlandschaften aus den Jahren 1893 bis 1912, die, teils melancholisch wirkend, miteinander in einen Dialog treten. „Der beständige Wandel ist hier das Kontinuum“, stellt Dr. Padberg mit Blick auf die 100 ausgestellten Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafiken fest.

Ein Muster, das sich durch die Ausstellung zieht, gibt es trotzdem. „Man trifft in jedem Bild auf eine unglaublich vitale Bildsprache“, verdeutlicht Dagmar Schmidt, was den Reiz der Werke ausmacht.

Kraftvoll und zart, das ist Rohlfs oft auch in einem und demselben Bild. Zuweilen dann aber auch bewegt und konstruktiv, melancholisch und humorvoll, stofflich und transparent. „Das Werk ist reich an unterschiedlichen Ausdrucksformen“, so Dagmar Schmidt.

Zahlreiche Leihgaben

Zum Kunstmuseum Ahlen hat Rohlfs eine besondere Verbindung, da sein im Eingangsraum zu sehendes Gemälde „Herbstlandschaften“ (1907) den Auftakt der Sammlung des Hauses bildete. Später kamen vier weitere Gemälde und eine Zeichnung hinzu. Ergänzt wird die Ausstellung zudem um zahlreiche Leihgaben vor allem aus dem Osthausmuseum in Hagen. Einer Stadt, in der Rohlfs auf Einladung des Mäzens und Sammlers Karl Ernst Osthaus von 1901 bis zu seinem Tode lebte. „Wir wollten unsere Arbeiten einmal in den Kontext des umfangreichen Werkes stellen“, erklärt Dagmar Schmidt.

Die Präsentation wird ergänzt um eine Kabinettausstellung aus weiteren Werken des Hauses, die den Blick auf die Zeitgenossen Rohlfs lenkt und somit die außergewöhnliche Dynamik in der Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigt.

von Martin Feldhaus

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