Tanja Lehmann zieht im Dienst mit links
Bilder: Kalläne
Keine Vererbungssache: (v. l.) Maxi (8 Jahre) und Olivia (11 Jahre) schreiben mit rechts – ihre Mutter Tanja Lehmann ist Linkshänderin.
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In ihrem Beruf erkennt man sofort, dass sie Linkshänderin ist. Denn das Holster der Waffe trägt sie links. „In der Ausbildung habe ich versucht, mit rechts zu schießen. Wenn man aber schnell die Waffe benutzen muss, macht man das doch mit der Hand, mit der man sich am sichersten fühlt. Also mit links.“

Tanja Lehmann ist seit 1996 bei der Polizei. Zu Anfang hatte der Parka keine Tasche auf der linken Seite, aus der man die Waffe ziehen konnte. „Darum lief ich immer mit offener Jacke herum, um die Waffe schnell ziehen zu können.“ Heute habe sie keine Nachteile mehr in ihrem Beruf.

Vorteile bietet die Linkshändigkeit besonders im Sport. „Ich habe Judo und Tennis gemacht und dabei ausgenutzt, dass links meine starke Hand ist. Die Kämpfe im Judo habe ich mit links eröffnet und den Gegner so an seiner Schwachstelle getroffen. Beim Tennis wird oft auf die schwächere Rückhand gespielt, das war bei mir die stärkere Hand. So konnte ich manchen Gegner verwirren“, sagt sie.

Aufgewachsen ist sie in Afrika und Indonesien. „Da war es in der Schule egal, mit welcher Hand ich geschrieben habe. Erst als ich die vierte Klasse in Deutschland besuchte, fiel es auf, dass ich mit links geschrieben habe“, erzählt Tanja Lehmann. Mit dem Füller könne sie heute noch nicht schreiben, da dann ihr Geschriebenes verwischt würde, und auch ihr Schriftbild habe sie schon so manches Mal in der Schule behindert.

Scheren oder Füller, die es heute für Linkshänder gibt, hatte sie früher nicht. Darum wurde sie kreativ. Stricken oder Häkeln hat sie sich mit rechts beigebracht. Auch Gitarre spielt sie wie ein Rechtshänder. „Das ist aber sehr schwer für mich, weil ich in der rechten Hand wenig Gefühl habe und das Zupfen der Saiten daher schwierig ist.“

Tanja Lehmanns Kinder Maxi (8 Jahre) und Olivia (11 Jahre) schreiben beide mit rechts. „Es ist manchmal schwierig, ihnen zu zeigen, wie man zum Beispiel den Badmintonschläger richtig hält. Ich mache ja alles mit der anderen Hand, selbst das Öffnen von Dosen oder das Führen des Hundes.“

Sabrina Zimmermann punktet mit musischen Fähigkeiten

Die zukünftigen Schüler von Lehramtsstudentin Sabrina Zimmermann werden sich etwas mehr konzentrieren müssen. Wenn die Linkshänderin an die Tafel schreibt, sieht das anders aus als bei Rechtshändern, und die Buchstaben werden zunächst von der Hand verdeckt.

Die 26-Jährige weiß, was für Probleme in der Schule auf einen Linkshänder zukommen: „Ich wusste in Mathe nie, wie man einen Zirkel richtig mit links festhält. Das konnte mir auch der Lehrer nicht erklären“, berichtet sie. „Außerdem stehen zum Beispiel die Buchstaben in Heften der ersten Klasse ganz links in der Zeile. Ein Linkshänder verdeckt diese mit der Hand, wenn er sie versucht, nachzuschreiben.

Das sind alles so Kleinigkeiten, die einem das Leben schwer machen können“, sagt Zimmermann. In ihrem Leben hat sie Strategien entdeckt, um zum Beispiel mit Füller schreiben zu können. „Um die Wörter nicht zu verwischen, schreibe ich von unten. Trotzdem ist das anstrengend, und ich bin irgendwann zum Kugelschreiber übergegangen.“

Linkshänder sind künstlerisch – diese Auffassung trifft für Sabrina Zimmermann, Kunststudentin aus Ahlen, zu. Sie greift mit der linken Hand zum Pinsel.
Ihre Mutter hat bereits in frühen Jahren mit ihrer Tochter beim Kinderarzt einen Test machen lassen. „Danach habe ich ihr nicht mehr gesagt, mit welcher Hand sie etwas anfassen soll“, erinnert sich Marlene Zimmermann. Sie selbst meint, dass sie umerzogen wurde auf die rechte Hand: „Ich mache im Haushalt immer noch sehr viel mit links.“

Redensarten wie „Zwei linke Hände haben“ oder etwas „mit links machen“ findet Sabrina Zimmermann unpassend. Auch den Satz „die richtige Hand geben“ verwendet sie nicht. „Es sollte keine Wertung in dem Gebrauch der Hände liegen. Ich finde, dass es etwas Besonderes ist, Linkshänder zu sein. Viele bekannte Persönlichkeiten haben mit links geschrieben oder gemalt, zum Beispiel Albert Einstein, Picasso oder da Vinci“, erklärt die Kunststudentin.

Sie stellt die Farben grundsätzlich links auf dem Tisch auf. Beim Griff zum Pinsel stößt sie an das Wasserglas: „Na ja, typisch Linkshänder, die sind eben etwas tollpatschig“, sagt sie und schmunzelt dabei.

Hintergrund

Untersuchungen am Arbeitsamt Wilhelmshaven stellten einen statistischen Anteil von Linkshänder in der Bevölkerung von 22,2 Prozent fest. Die Gruppe der Linkshänder konnte dabei allerdings nicht vollständig erfasst werden, da zum Beispiel einige auf die rechte Hand umgeschult wurden. Der Linkshändertag wurde am Freitag, 13. August 1976, vom US-Amerikaner Dean Campbell ins Leben gerufen, um die Interessen der Linkshänder aufzuzeigen. Mit dem Datum wollte er auf die Vorurteile gegenüber Linkshändern hinweisen. Er wird heute zum 38. Mal begangen.

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