„Trauer und Tod beherrschen Indien“
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Schlangen überall dort, wo die Menschen um Hilfe suchen.
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Indien ist vom Coronavirus stark getroffen. Eine neue Mutation verbreitet sich schnell, der Sauerstoff für Beatmungspatienten wird knapp.

Indien ist auch die Heimat von Joseph Thota, Pfarrer der St.-Bartholomäus-Gemeinde. Schon seit Jahren sammelt er mit seiner Stiftung „Bridge of Hope“ Spenden für die arme Bevölkerung und unterstützt Schulen. Jetzt sorgt er sich sehr um die Menschen dort. Er beschreibt die Lage aus seiner Sicht:

„Die Situation in meiner Region Andhrapradesh: Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich dieses Jahr wieder über dieses Thema schreiben muss. Im Januar 2021 war ich in Indien, um meine Mutter zu besuchen. Es ist wahr, dass die Menschen in meiner Region und auch ich an die Herdenimmunität geglaubt haben. Fast alle Menschen hatten aufgehört, sich Gedanken über diese tödlichen Krankheit zu machen.

Doch Mitte März hat das Virus begonnen, sich in der Metropole Mumbai, in der Mitte des Landes, zu verbreiten. Das große Hindufest Kumbamela mit einer Million Menschen am Ganges und die Wahlkampagne in fünf Bundesländern haben dazu geführt, dass sich diese neue Virusvariante rasant verbreitet.

Innerhalb weniger Wochen hat dieses neue Virus das ganze Land in den Griff genommen. Auch meine Region Andhrapradesh mit dem Dorf Madepalli und der Stadt Eluru ist betroffen.

Fünf Betten für 10 000 Menschen: Das Gesundheitssystem in Indien ist völlig überlastet. Fast 80 Prozent der Bevölkerung haben keine Krankenversicherung. Das Land Indien besteht zu 70 Prozent aus Landbevölkerung, und die Menschen auf dem Land haben keine Ahnung von Krankenversicherungen. Das große Projekt Primary Health Care Centers (PHCs – Medizinische Grundversorgungszentren) ist teilweise sichtbar. Es gibt die PHCs-Gebäude, aber keine Medikamente und kein Personal.

Sehr wenig medizinische Versorgung ist in diesen Zentren verfügbar. Daher versuchen kranke Menschen, in die kleineren Städte zu fahren, um einen Arzt zu besuchen. In der Nähe meines Dorfes gibt es die kleine Stadt Eluru. Sie ist die einzige Stadt im Umkreis von 60 Kilometern mit wenigen Krankenhäusern für fast 70 Dörfer mit ungefähr 400 000 Menschen.

Es gibt auch private Krankenpfleger in den Dörfern. Sie teilen sich jeweils drei bis fünf Dörfer und besuchen die kranken Menschen zu Hause, wenn sie sich angemeldet haben. Die Krankenpfleger können nur kleinere Krankheiten wie Fieber, Husten und Kopfschmerz behandeln und Medikamente ausgeben. Von dieser Arbeit leben die Krankenpfleger.

Bei schwereren Krankheiten müssen die Menschen zum Krankenhaus in der Stadt fahren. Zurzeit haben die Menschen Schwierigkeiten, die Corona-Patienten zum Krankenhaus zu bringen. Am 27. April haben zwei Söhne ihre kranke Mutter zu einer Klinik in die Stadt gebracht. Sie ist bereits tot in der Klinik angekommen und wurde dort positiv auf Corona getestet. Die Jungs haben ein Taxi gesucht, einen Rettungswagen oder ein dreirädriges „Tutup“, um ihre verstorbene Mutter zurück zu ihrem Dorf zu fahren, aber keiner hat gewagt, diese verstorbene Frau mitzunehmen. Die Jungen haben die tote Mutter 20 Kilometer lang auf dem Motorrad mit nach Hause genommen. So furchtbar ist die Situation zurzeit.

Sauerstoff und Impfstoff sind Mangelware: Viele Menschen sterben aufgrund von Sauerstoffmangel und wegen fehlender Beatmungsgeräte. Die Menschen müssen viel Geld für Sauerstoff und für ein Bett bezahlen. Und oft hilft auch Geld nicht weiter, weil die Krankenhäuser voll sind.

Heute, am 27. April, wurde in den Nachrichtensendungen gezeigt, wie eine Ehefrau vor dem Krankenhaus ihren coronainfiziertem Mann mit ihrem Mund beatmet, ihr Mann konnte nicht mehr alleine atmen. Trotz des Versuchs, mit ihrem Mund Atem in den Körper zu pumpen, ist er in ihrem Schoß gestorben. Solche unfassbar traurigen Szenen spielen sich zurzeit an so vielen Orten in Indien ab.

Mit der Impfung ist es auch sehr problematisch. In erster Reihe werden reiche und berühmte Menschen geimpft. Die Bedürftigen kommen nur schwer an eine Impfung. Mein Bruder hat meine Mutter vor vier Tagen zum Impfzentrum mitgenommen, aber es war kein Impfstoff mehr vorhanden. Die einfachen Menschen und meine Dorfbewohner warten immer noch auf die Impfung. Es wird einfach zu wenig Impfstoff geliefert.

In dieser zweiten Welle sind auch viele Priester und Ordensschwestern an Corona erkrankt. Ein junger Priester, Pfarrer Ratnaker aus meiner Region, hat seine Doktorarbeit in Kirchenrecht in Rom erfolgreich abgeschlossen und ist im Dezember 2020 zurück nach Indien gekommen. Heute, am 27. April, ist er an Corona gestorben. Der Erzbischof von Hyderabad, mein ehemaliger Bischof von Kurnool und viele Priester und Schwestern liegen zurzeit mit Corona in Krankenhäusern.

Diese Pandemie lässt meine Landsleute mit viel Weh und Trauer zurück. Viele Kinder werden Waisen und Halbwaisen. Eine Mutter hat am 25. April für ihre zwei kleinen Kinder geschrien. Sie rief: „Ich weiß, dass ich sterbe. Wer kümmert sich um meine kleinen Kinder, bitte nehmt uns mit zum Krankenhaus.“ Und am 26. April starb sie. Die Trauer und der Tod beherrschen zurzeit das Land Indien. Das Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps.

Ich bin im Kontakt mit dem Team „Bridge of Hope“, mit meinem Bistum Kurnool und mit meinen Priesterkollegen in Indien. Sie möchten die Menschen in Not und die Familien, die an Corona erkrankt sind, unterstützen. Sie sagen, dass von Tag zu Tag die Situation schlimmer wird. Die Menschen haben Angst, sich Corona-Infizierten zu nähern. Es gibt keine Aktivitäten mehr, die Schulen sind geschlossen, und die Regierungen der Bundesländer verhängen Ausgangssperren. Besonders die Bedürftigen geraten in Not.

Wenn es möglich ist, bitte ich um Unterstützung für diese Menschen in Not in meiner Region Eluru und in der Region Kurnool im Bundesland Andhrapradesh. Ihre Hilfe wäre ein Trost für diese Menschen. Das Team „Bridge of Hope“ Madepalli und meine Priesterkollegen sind bereit, die Spenden an die Menschen in Not weiterzuleiten.

Spenden erbeten auf folgendes Konto: Katholische Kirchengemeinde St. Bartholomäus IBAN DE51 4126 2501 0100 1021 00, BIC GENODEM1AHL, Zweck: Corona-Krise Projekt Pfr. Thota – Indien

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