Türken haben enormen Vaterlandsstolz
Bild: Kessing
Verständnis: Dafür wirbt der Vorsitzende des Ahlener Integrationsrates, Samim Kemerli, im Verhältnis zwischen Deutschen und Türken. Zurzeit gebe es einige Erschütterungen.
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Auf dem Tisch steht ein Glas mit dampfendem Tee. Der Dönerspieß dreht sich langsam, der Duft des Orients liegt in der Luft an diesem grauen, verregneten Augustabend. Wie immer um diese Zeit herrscht im Royal Kebab Haus an der Beckumer Straße geschäftiges Treiben. Dönertaschen gehen weg wie warme Semmeln – bei Deutschen und Türken.

Samim Kemerli rührt in seinem Glas Tee und sagt mit ernstem Blick: „Wir müssen vielmehr miteinander reden.“ Die Betonung liegt auf „miteinander“. Zweieinhalb Wochen sind seit dem gescheiterten Putsch am 15. Juli in der Türkei vergangen. Zweieinhalb Wochen, in denen sich die Welt in der Türkei schneller als ein Dönerspieß gedreht hat.

Angst? Nein, die habe er nicht angesichts der Entwicklungen in seinem Vaterland, erklärt der 46-jährige Türke. Zum Zeitpunkt des Putschversuches hat sich Kemerli mit seiner Ehefrau und den beiden Söhnen im Urlaub in Side befunden. Von dem Aufstand habe erst durch eine Online-Nachricht aus Deutschland von einem Kollegen erfahren. Da sei es kurz vor Mitternacht und die Lage schon fast wieder unter Kontrolle gewesen. Bis um 4 Uhr habe er die Putschnacht vorm Fernseher verbracht. In seinem Urlaubsort sei alles ruhig geblieben. Aber seine Gedanken habe er sich doch so gemacht und überlegt, was gewesen wäre, wenn das Militär die Macht übernommen hätte: „Zum Glück wurde der Putsch niedergeschmettert“, ist der Vorsitzende des Ahlener Integrationsrates froh über den Misserfolg der Putschisten.

Erschütterungen in der Türkei und in Deutschland

Weniger froh stimmen ihn allerdings die Folgen. Kemerli spricht von Erschütterungen, sowohl in der Türkei als auch in Deutschland. Aber er versucht auch, zu verstehen und zu erklären. Vor allen Dingen, warum der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan für die meisten seiner Landsleute zu einem Messias überhöht wird. Als Außenstehender könne man sich nicht in die Situation hineinversetzen.

Die Emotionen kochten hoch – nicht nur, weil die Türken eine ganz andere Mentalität besäßen als die Deutschen. Sie hätten überdies einen enormen Vaterlandsstolz. „Man muss das nicht akzeptieren, aber verstehen“, erinnert Kemerli an die Opfer, die der Putsch gefordert hat. Dies habe auch den Ruf nach der Todesstrafe provoziert, gegen die er sich persönlich ausspricht. Er könne über die Säuberungsaktionen in der Türkei nicht urteilen.

Mehr im „AT“ vom 6. August.
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