Vor Coronavirus nach Ahlen geflüchtet
Bild: Detlef Peter Jotzeit
Der Ahlener Marcel Pläster (35) und seine Ehefrau Jun Zhai (31) haben es schwarz auf weiß: „negativ“. Ein Labor hat bescheinigt, dass sie nicht mit dem Coronavirus in Kontakt gekommen sind.
Bild: Detlef Peter Jotzeit

Dem gebürtigen Ahlener, der bereits sieben Jahre lang in China lebt und arbeitet, ist damit nach eigenen Worten „ein Stein vom Herzen gefallen“. Nicht ohne Grund: Seine Frau ist im vierten Monat schwanger.

Zwölf Millionen Einwohner

In China ist Pläster Produktionsleiter eines mittelständischen Unternehmens, dessen Hauptsitz sich im Kreis Warendorf befindet. Er wohnt in Tianjin, einer Hafenstadt im Nordosten des Landes mit zwölf Millionen Einwohnern. Die Stadt Wuhan, in der das Coronavirus ausgebrochen ist und die seit Wochen komplett abgeriegelt wird, liegt rund 1000 Kilometer Luftlinie entfernt.

„Eigentlich weit weg von uns“, sagt Jun Zhai. Daher habe sich das Ehepaar zunächst keine Sorgen gemacht, als Mitte Januar erstmals Meldungen zur Viruserkrankung auftauchten. Offiziell habe es kaum Hinweise gegeben. Höchstens, dass der Staat alles im Griff habe und in Windeseile neue Krankenhäuser gebaut würden, ergänzt Marcel Pläster.

Dramatische Entwicklung

Erst ein Kollege, der weltweit unterwegs sei und viele Kontakte in China habe, hätte ihm die dramatische Entwicklung vor Augen geführt. Sein Bekannter habe ihm eine App empfohlen, die stündlich die aktuelle Zahl der Infizierten in den einzelnen Städten anzeige. „Plötzlich waren es in Tianjin 135 Betroffene“, berichtet Pläster.

„Als Konsequenz habe wir uns nur zu Hause aufgehalten“, sagt er. „Wir haben uns nicht mehr getraut, nach draußen zu gehen. Das ist wie im Knast, und man befürchtet, verrückt zu werden.“ „Unsere Hauptsorge galt dem ungeborenen Baby“, schildert Pläster seine Verzweiflung.

Deutsche Botschaft in Peking hilft

Er habe daher seine Firma kontaktiert, und die habe ihm empfohlen, sofort einen Flug zu buchen. „Leichter gesagt, als getan“, ergänzt der 35-Jährige. Schließlich habe er für seine Frau bei der deutschen Botschaft in Peking erst ein Visum beantragen müssen. „Die waren total nett und haben alles schnell geregelt“, lobt er die Botschaftsmitarbeiter. Nach einer Woche habe er direkt in Peking die Dokumente abholen können. Die Autofahrt von Tianjin habe nur eine Dreiviertelstunde gedauert. Durch die Corona-Angst seien die Autobahnen fast leer gewesen.

Bei einem Besuch vor einiger Zeit in Shenyang (China) war die Welt noch in Ordnung für Marcel Pläster und Jun Zhai.
Mit dem Visum in der Tasche ging alles ganz schnell. Am 13. Februar startete das Ehepaar von Peking aus über Dubai nach Düsseldorf. Nach der selbstauferlegten Quarantäne in Tianjin seien sie beim Abflug untersucht worden, berichtet Marcel Pläster.

Vor Ort weitere Kontrolle 

In Ahlen hätten sie sich sofort um eine weitere Kontrolle bemüht. „Über die Frauenärztin hat das super geklappt“, lobt er deren Einsatz. „Damit sind wir nun auf der sicheren Seite“, sagt der 35-Jährige. Zumal es im Vorfeld bei dem einen oder anderen Bekannten oder Freund doch eine gewisse Zurückhaltung gegeben habe. Ansonsten habe es keine Vorbehalte gegeben.

„Ich habe mir schon große Sorgen gemacht“, räumt die Mutter von Marcel Pläster, Rita Haase (61), ein, und ergänzt mit einem Schmunzeln: „Nicht nur um das ungeborene Baby, sondern auch um das Große.“

„Rückflug lassen wir sausen“

Wie es jetzt weitergeht, ist noch nicht ganz klar. „Den schon gebuchten Rückflug am 13. März lassen wir wohl sausen“, sagt Marcel Pläster. Die Lage in Tianjin scheine sich zwar zu entspannen – „die Zahl der Neuinfizierten geht zurück“ – aber so richtig sicher fühlten er und seine Frau sich nicht.

Zumal auch die Kontakte zu Freunden und Bekannten in China nicht unbedingt auf eine Entwarnung hinwiesen. Dass die Corona-Erkrankung nun auch in Nordrhein-Westfalen angekommen ist, beunruhigt Pläster nicht wirklich. „Ich habe keine Angst“, sagt er. „Es sterben mehr Menschen an einer Grippe.“ In manchen Medien werde vieles hochgespielt.

Arbeit per Homeoffice

In seiner Firma im Land der aufgehenden Sonne sei die Produktion wieder angelaufen, berichtet Pläster. Er sei täglich im Kontakt mit seinem Produktionsassistenten. Zudem arbeite er selbst per Homeoffice weiter.

 Des Weiteren habe er täglich Kontakt mit seiner chinesischen Schwiegermutter. Die kümmert sich um die beiden Hunde des Ehepaars. „Die durften wir leider nicht mitnehmen. Aber ihnen geht es gut in Tianjin.“

100 Mitarbeiter in Tianjin

Auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung ist Marcel Pläster in China gelandet. Als Produktionsleiter in einem Betrieb mit rund 100 Mitarbeitern fühlt er sich in Tianjin wohl. „Alle sind sehr nett und gastfreundlich“, sagt er. Nach wie vor schwierig sei die chinesische Sprache. „In der Regel spreche ich eher Englisch. In der Landessprache nur wenige Worte.“

Nicht so recht klar kommt er mit den chinesischen Gerichten. „Die sind gewöhnungsbedürftig“, verrät er. Seine Ehefrau Jun Zhai (31), die er am 13. August 2019 geheiratet hat, sieht das natürlich ganz anders. Aktuell hält sich die Bankangestellte zum fünften Mal in Deutschland auf. Das Essen hier mag sie nicht so recht. Daher kocht sie bei ihrer Schwiegermutter an der Bergamtstraße gerne mal selbst.

Natur und frische Luft

Ansonsten ist sie von dem Land und der Stadt Ahlen begeistert. Sie schwärmt von der Natur und der frischen Luft. „Und hier leben so wenig Leute“, ergänzt sie mit Hinweis auf die Millionenmetropole Tianjin, in der sie wohnt – in der vierten Etage eines sechsstöckigen Mehrfamilienhauses. „Und das ist da noch klein“, sagt sie mit Hinweis auf die sonst üblichen Hochhäuser. Wann sie ihre Heimatstadt in China wiedersieht, weiß sie noch nicht. „Das Visum gilt erst einmal für 90 Tage.“

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