Auerochsen-Knochen unter den Gleisen
Der neue Erschließungstunnel am Bahnhof Neubeckum wird zurzeit unter den Gleisen gegraben. Dabei stießen die Bauarbeiter auf die Knochen, die mutmaßlich von einem Auerochsen stammen.

Aus einigen Metern Tiefe im Bereich von Gleis 6 wurden bei den Arbeiten zum Bau des neuen Tunnels Skeletteile ans Tageslicht befördert. Der hinzugezogene Fachmann für paläontologische Bodendenkmalpflege, Dr. Lothar Schöllmann, nahm den Fund in Augenschein. Das Ergebnis schilderte er der „Glocke“: „Es handelt sich um Ober- und Unterkieferknochen eines Rindes, vermutlich eines Auerochsen, sowie einige Rippen. Letztere sind vermutlich vom gleichen Tier. Mit Bestimmtheit können wir das jedoch nicht sagen.“

Schöllmann bedauert, dass nur Fragmente und nicht das komplette Skelett gesichert werden konnten. Denn dann wäre die Neubeckumer Entdeckung durchaus bedeutsam gewesen. Die Paläontologen vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe nehmen an, dass das Knochengerüst des Tieres vollständig im Erdreich unter den Bahngleisen gelegen hat und erst beim Ausschachten zerstört wurde. Dem Baggerfahrer, so betonte Schöllmann, könne man allerdings keinen Vorwurf machen. Sein Arbeitsplatz liege im Halbdunklen, so dass die Knochen nicht sofort für ihn erkennbar gewesen seien. Unmittelbar nach der Entdeckung wurde die Baustelle kurzfristig stillgelegt, um die Untersuchung der Fundstelle durch die LWL-Wissenschaftler zu ermöglichen. Die loben die umsichtige Vorgehensweise der beteiligten Baufirmen, die sofort eine Fundmeldung gemacht hatten. Bei ihren Untersuchungen fanden sie keine Relikte mehr, stellten aber fest, dass alte Fluss-Sedimente im Erdreich schlummern.

Bei der Bestimmung des Alters der Kieferknochen bedienten sich die Fachleute des Zungentests, wie Schöllmann erklärte. Der ersetzt aufwändige und kostspielige Verfahren zur genauen Datierung der Gebeine und funktioniert folgendermaßen: Mit der Zungenspitze wird das Knochenmaterial berührt. Wird die Zunge dabei angesaugt, enthält die Probe kein Kollagen mehr. Bei den Neubeckumer Fragmenten stellte sich jedoch heraus, dass sich in der Knochensubstanz noch Kollagen findet. Daraus und aus der Färbung schließen die Experten: Der Auerochse verendete hier vielleicht vor zehntausend, aber nicht vor hunderttausend Jahren. Nach archäologischen Maßstäben also erst kürzlich.

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