Wie ein Mauer-Stück nach Neubeckum kam
Bild: Clauser
Love and Peace sind die Themen des gesprühten Kunstwerks auf dem Mauerabschnitt, wie Mario Beermann von der Neubeckumer Firma Eternit hier demonstriert. 
Bild: Clauser

Ein Teil der Betonwand, die die Flucht aus dem Osten für fast drei Jahrzehnte unmöglich machte, steht heute, ein halbes Jahrhundert später, in Neubeckum. Und zwar wieder auf einem Gelände der Eternit AG. Im hiesigen Zweigbetrieb hat das Bollwerk seinen eigentlichen Zweck freilich längst verloren. Die rund vier Meter hohen Fragmente erinnern nicht weit von der Werkszufahrt als stumme Zeugen an die Eiszeit zwischen Ost und West.

Mario Beermann, stellvertretender Werkleiter bei Eternit Neubeckum, schildert die Odyssee der geschichtsträchtigen Mauerstücke. Die wurden 1998, beim Fall des Eisernen Vorhangs, von der Firma Eternit selber beseitigt. Nicht weiter beachtet, fristeten die Bauteile ihr Dasein auf dem Berliner Werksgelände, gerieten für lange Zeit in Vergessenheit. Bis zum Jahr 2001, als der Produktionsstandort in Rudow aufgegeben wurde. Im Rahmen der Räumung des Geländes rückten die Mauer-Elemente wieder in den Blickpunkt.

Die Eternit AG ließ die gewichtige Fracht ins Neubeckumer Werk schaffen, wo sie nach dem Abladen alsbald wieder dem Vergessen anheimfiel. Erst als die mit der eintönig grauen „Ostseite“ nach oben abgelegten Teile umgelagert werden mussten, stellte sich heraus, dass die andere Seite mit den typischen Mauer-Graffiti bedeckt war. Ein stilisiertes „Peace“-Zeichen bildet bezeichnenderweise den Mittelpunkt der Arbeit eines unbekannten Künstlers. Die Entdeckung brachte die Werkleitung auf den Gedanken, das Relikt aus dem Kalten Krieg zur Erinnerung und Mahnung öffentlich aufzustellen.

Übergabe an die Stadt kommt nicht zustande

Ein erster Kontakt zur Stadt Beckum in dieser Angelegenheit erwies sich als vielversprechend. Die Kommune zeigte sich interessiert an der Übernahme, suchte nach einem geeigneten Standort. Im zuständigen Fachausschuss des Rates einigte man sich auf Vorschlag der Verwaltung darauf, die Rest-Mauer im Bereich des Werse-Radweges aufzustellen. Dazu kam es allerdings nie. Aus technischen Gründen, wie die Stadt auf „Glocke“-Anfrage erklärte. Die Standfestigkeit der L-förmigen Segmente sei nicht zu gewährleisten gewesen, hieß es dazu aus dem Rathaus. Mario Beermann winkt auf die Frage, woran genau das gemeinsame Projekt scheiterte, ab, möchte lieber nicht über die Hintergründe reden.

Blieb die Frage: Wohin nun mit der Mauer? Das Neubeckumer Unternehmen fand die Antwort schnell. Im Rahmen des Familientags im Mai wurden die durch eine Spezialbeschichtung gegen weitere Verwitterung geschützten Betonelemente auf dem Werksgelände aufgerichtet. Eine Idee, die in der Belegschaft auf viel positive Resonanz stieß, wie Mario Beermann berichtet. Und lange nach der Wiedervereinigung noch einmal „Mauerspechte“ auf den Plan rief, wie er schmunzelnd hinzufügt. Die Spuren der verspäteten Souvenierjäger sind deutlich erkennbar – heute, 50 Jahre nach dem Mauerbau.

SOCIAL BOOKMARKS