16-Jähriger nimmt Hürden mit einem Lächeln
Bild: Stempfle
Er lässt sich nicht unterkriegen: Tanusijan Sivarajah ist 16 Jahre alt und hat bereits eine Niere und eine Leber transplantiert bekommen. Seine Lebensfreude hat das aber nicht getrübt.
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Bislang hat er alle meistern können – mit einem strahlenden Lächeln und unbedingtem Lebenswillen.

„Ich bin Tanusijan“, sagt der 16-Jährige bei der ersten Begegnung mit einem schelmischen Blitzen in den dunklen Augen und streckt zur Begrüßung die Hand aus. „Ich habe eine neue Niere und eine neue Leber“, fügt er – fast beiläufig, aber verschmitzt – hinzu. Seinem Gegenüber stockt für einen kurzen Moment der Atem. Warum? Weil ein 16-Jähriger schon zwei schwere Operationen überlebt hat, in einem Alter, in dem Schulstress, Fußball und erste Partys das Leben seiner Schulkameraden maßgeblich bestimmen. Und, weil der Beelener so selbstverständlich und offen mit diesem Umstand umgeht. „Meine Krankheit ist kein Geheimnis“, betont Tanusijan, „sondern Teil meines Lebens.“

Das ist tatsächlich im Wortsinn gemeint: Kurz nach seiner Geburt haben Ärzte festgestellt, dass eine seiner Nieren nicht funktioniert. Medikamente, ein dauerhafter Zugang, der in seiner Brust steckt, und monatliche Sitzungen in der Kinderdialyse in der Uni-Klinik Münster sind die Folge des Defekts. „Das war ziemlich langweilig“, erinnert sich der junge Mann an die zwei- bis dreistündigen Dialyse-Sitzungen, bei der sein Blut gereinigt wurde. Über Schläuche an eine Maschine angeschlossen war der Bewegungsradius für das Kind eingeschränkt.

Mit Filmegucken und Spielen hat er sich die Zeit vertrieben. Als er eingeschult worden war, wurde er während der Sitzungen von einem Lehrer unterrichtet. Er hätte lieber mit seinen Altersgenossen getobt.

Als Tanuisijan acht Jahre alt ist, erfolgt ein Anruf, der sein Leben ändern soll: „Ein Arzt informierte meine Eltern, dass eine Spenderniere für mich gefunden worden ist“, erzählt der Beelener. Lange Zeit bleibt der Familie nicht, um sich auf die schwere Operation vorzubereiten. Drei Stunden brauchen die Ärzte der Uni-Klinik, um das neue Organ einzusetzen. Zwei Monate musste der Junge im Krankenhaus bleiben, fünf Wochen davon in Rückenlage im Bett. Seine Fröhlichkeit hat er in der Zeit der Genesung nicht verloren. „Immer mal wieder haben Klinik-Clowns die Kinderstation besucht und uns zum Lachen gebracht“, erinnert sich Tanusijan mit einem Grinsen.

Zurück in Beelen kann der Junge sein altes Leben wieder aufnehmen, er spielt Tischtennis, geht in die Schule, trifft sich mit Freunden. Doch lange bleibt er nicht gesund. Die täglichen Medikamente schwächen sein Immunsystem, damit sein Körper das neue Organ nicht abstößt. Dabei wird seine Leber so stark geschädigt, dass sie kaum noch funktionstüchtig ist. Wieder wird Tanusijan auf die Warteliste für eine Organspende gesetzt. Im Jahr 2012 erneut ein Anruf, diesmal aus der Kinderklinik Essen: Ein Organ ist gefunden, der Junge kann operiert werden. Doch die Ärzte warnen die Beelener Familie: Die Operation ist schwer, lang und kompliziert. Die Sorge um das Kind ergreift die Eltern. Tanusijan lächelt tapfer, doch auch ihm ist die Tragweite des Eingriffs bewusst. Heute sagt er, dass er Angst um sein Leben hatte.

Neun Stunden dauert die Operation, sie verläuft komplikationsfrei. Der junge Körper muss sich erholen, der Beelener schläft fast zwei Tage, um zu Kräften zu kommen. Eine lange Zeit für die Eltern, die an seinem Bett wachen. Aus lauter Sorge besucht der Vater den Hindu-Tempel in Hamm, um für sein Kind zu beten. Als er an das Krankenbett seines Sohnes zurückkommt, schlägt der die Augen auf. „Wir alle waren froh über den glücklichen Ausgang. Das sind wir noch heute“, sagt der Beelener.

Die Genesung dauert diesmal sechs Monate, dann darf er endlich nach Hause. Tanusijan hat noch viel vor in seinem Leben: Er will die Realschule abschließen und dann eine Ausbildung zum Computerspezialisten beginnen. Einschränkungen in seinem täglichen Leben hat er nicht. Nur beim Sportunterricht ist er vorsichtig. „Auf Purzelbäume verzichte ich“, sagt er mit einem Grinsen. Das verschwindet für einen flüchtigen Moment aus seinem Gesicht, als er erzählt, dass er die Menschen nicht kennt, von denen er seine Organe erhalten hat. „Diese Anonymität ist so vorgeschrieben“, erklärt er. Er selbst würde seine Organe spenden. Warum? Der Grund liegt für Tanusijan Sivarajah auf der Hand: „Damit andere Menschen weiterleben und glücklich werden können.„

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