Café Kinderwagen ohne Hebammen nicht denkbar
Bild: Stempfle
Als freiberufliche Hebamme betreut Katharina Bonkamp (l.) das Beelener „Café Kinderwagen“. Sie beantwortet unter anderem die Fragen von Nadine Brotzki zum Entwicklungsstand von Tochter Luna.
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Seit mehreren Monaten kämpfen deutschlandweit Hebammen darum, dass die Haftpflichtprämien für Freiberuflerinnen nicht ins Unermessliche ansteigen. In den vergangenen Jahren sind diese Beitragssätze förmlich explodiert. Vor einigen Tagen konnte sich mit den Versicherern auf einen jährlichen Beitrag von 6363 Euro für Hebammen mit Geburtshilfe sowie auf 601 für Freiberuflerinnen ohne Geburtshilfe geeinigt werden. Zufrieden stimmt das die Beelener Hebamme Katharina Bonkamp jedoch nicht: „Nächstes Jahr wird wieder verhandelt. Das ist doch ein Sterben auf Raten.“

Schon 2006, als die Beelenerin ihre Ausbildung zur Hebamme in Ahlen aufgenommen hat, hat sie zusammen mit Kolleginnen für eine gerechtere Entlohnung sowie eine angemessene Haftpflichtversicherungsprämie demonstriert. Genutzt hat es bislang nicht viel. „Wir haben nicht solch eine Lobby und nicht die Macht wie unter anderem Piloten der Lufthansa, die mit einem Streik den gesamten Flugverkehr lahmlegen können“, weiß die 28-Jährige, die selbst Mutter ist. Resigniert hat sie deshalb nicht, aber: „Würde ich nicht eine Familie haben, die mich unterstützt, könnte ich als Hebamme finanziell nicht über die Runden kommen.“

Viele ihrer Kolleginnen, vor allem im Bielefelder Raum, hätten bereits ihren Job an den Nagel gehängt. Die Folge: Junge Mütter suchten händeringend nach einer Geburtshelferin in der Umgebung, Angebote wie Vor- und Nachsorgeuntersuchungen, die bislang von Hebammen durchgeführt wurden, fallen weg. Darunter könnten auch bald die „Café Kinderwagen“ im Kreisgebiet sein.

Der wöchentliche Treff wird in Beelen gut angenommen, erklärt Katharina Bonkamp. Immer mittwochs treffen sich Mütter mit Kindern im ehemaligen Lehrerzimmer der VGS, um sich auszutauschen, mit dem Nachwuchs zu spielen und die Babys wiegen zu lassen. Unter anderem auch deshalb, weil der Betreuungszeitraum der Hebammen acht Wochen nach der Geburt beträgt. „Danach ist Schluss“, weiß die Beelener Geburtshelferin. „Weil immer eine Hebamme vor Ort ist, können Mütter nach dem Betreuungszeitraum medizinische Fragen stellen, sich über Beikost und Entwicklungsstadien erkundigen“, sagt Katharina Bonkamp.

Förderbedürftige Kinder sind teurer als tote

Bei einem Hausbesuch werden die Hebammen für genau 20 Minuten von den Krankenkassen bezahlt. „Wenn ich Mutter und Kind genau betrachten will, reicht dieser Zeitraum bei Weitem nicht aus. In der Regel benötige ich 40 bis 50 Minuten pro Hausbesuch“, weiß Katharina Bonkamp aus Erfahrung. Oftmals werden Probleme erst in ausführlichen Gesprächen deutlich, etwaige Depressionen von Müttern könnten nicht in solch kurzer Zeit erkannt werden.

Für die vorgegebenen 20 Minuten erhalten Hebammen 31,28 Euro von den Krankenkassen. Für eine Hausgeburt werden 563,25 Euro fällig, natürlich handelt es sich dabei um Bruttopreise. „Es ist ein einfaches Rechenspiel, um herauszufinden, wie viele Frauen wir besuchen müssen, um die Haftpflichtprämie zu erwirtschaften“, sagt Katharina Bonkamp. Der demografische Wandel ist in dieser Rechnung noch nicht berücksichtigt.

Warum die Haftpflichtversicherung, ohne die eine Hebamme ihren Beruf nicht ausüben darf, so in die Höhe geschnellt ist, liegt für die Beelenerin auf der Hand: „Statistisch gesehen werden weniger Schadensfälle gemeldet. Wenn es dennoch dazu kommt, haben Kinder heutzutage eine höhere Überlebenschance als noch vor einigen Jahren. Die Folgekosten für die Förderung dieser Kinder liegen für die Krankenkassen jedoch höher, als wäre das Baby bei der Geburt gestorben.“

Im Klartext heißt das also: Ein Kind mit Förderbedarf ist für die Kassen teurer als ein totes. „In der Häufigkeit sind es die Krankenkassen, die eine Hebamme nach einem Schadensfall verklagen“, sagt Bonkamp. „Schließlich wollen die ihr Geld zurück.“

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