Ofen aus bei Bäckerei Heitvogt
Drei Generationen der Familie Heitvogt: In der Mitte steht das Ehepaar Heinrich und Elisabeth Heitvogt, das an dem Tag der Aufnahme ihre Goldhochzeit gefeiert hat. Hinter ihn haben die Eheleute Maria und Ferdinand Heitvogt Aufstellung genommen. Als junger Bursche sitzt Paul Heitvogt auf der Treppenstufe links.

 Doch damit ist am 31. August endgültig Schluss. Paul Heitvogt geht in Rente. Damit endet eine Ära der Bäckereikunst in der Axtbachgemeinde.

Wie alt die Bäckerei Heitvogt ist, können Ingrid und Paul Heitvogt nur schätzen: „Zwischen 107 und 110 Jahre ist sie alt. Das genaue Datum wurde nie wirklich festgehalten“, sagen die Inhaber. Sicher ist aber, dass der Betrieb in dritter Generation geführt worden ist: Der gebürtige Harsewinkeler Heinrich Heitvogt hat vor mehr als 100 Jahren die Beelenerin Elisabeth Koch geheiratet. Der ehemalige Landwirt versuchte sich als Bäcker, als Standort wurde das Haus an der Westkirchener Straße genutzt. Die Zeiten waren damals andere: „Mein Großvater hat erzählt, dass er in einer Woche ein Pfund Hefe verarbeitet hat“, erinnert sich Paul Heitvogt und lacht. „Heute wäre das unvorstellbar.“

Weil die beiden Söhne von Heinrich und Elisabeth Heitvogt im Zweiten Weltkrieg gefallen waren, übernahm Tochter Maria die Bäckerei. Verheiratet war sie mit Ferdinand, der aufgrund der Familienhistorie den Namen Heitvogt angenommen hatte. „Was heute normal ist, war damals eine kleine Sensation“, betont Ingrid Heitvogt. Zusammen hat das Ehepaar am 1. Januar 1987 die Bäckerei übernommen. Vorher hatte Paul Heitvogt schon jahrelang in der Backstube der Mutter gestanden.

Von der Picke auf gelernt hat der Beelener das Backhandwerk während seiner Ausbildung von 1967 bis 1970 in Münster. Eine anstrengende Zeit sei das gewesen, erinnert sich Paul Heitvogt: „Es gab Monate, in den habe ich nur gearbeitet und geschlafen.“ Zehn D-Mark habe er während seiner Lehrjahre in der Woche verdient, Kost und Logis habe der Lehrmeister getragen. „Das Geld war knapp“, sagt Paul Heitvogt. Von seinem Gehalt habe er sich jede Woche eine Flasche Sprudel gegönnt. „Da wurde jeder Schluck gut eingeteilt, schließlich musste die Brause einige Tage überstehen“, sagt der Beelener und lacht. Der übriggebliebene Rest seines Lohns habe er vor allem für eins investiert: Zugtickets von Münster in die Axtbachgemeinde.

Wie sieht es eigentlich mit dem Biorhythmus eines Menschen aus, der fast sein ganzes Leben lang in den Nachtstunden gearbeitet hat? „Auszuschlafen ist für mich kein Problem“, sagt Paul Heitvogt. Darauf freut er sich in seinem Ruhestand. Auch darauf, dass er sich ab September vermehrt dem Sport und seinen Briefmarken widmen kann. Und sollte die innere Uhr doch einmal so laut schlagen, dass er nachts aus den Träumen gerissen wird, „dann setze ich mich morgens um 5 Uhr einfach auf den Balkon“. Das sei schließlich die schönste Uhrzeit des Tages.

 Es ist ein Abschied auf Raten von der Bäckerei Heitvogt: Schon im April wurde die Filiale in Greffen aufgegeben. Weil sich in der eigenen Familie niemand finden ließ, der den Betrieb weiterführen wollte, ist Paul Heitvogt froh darüber, in der Nachbarschaft einen Nachfolger gefunden zu haben. Das Ehepaar Gärtner aus Ostenfelde wird ihn unter dem Namen „Dorfbäckerei Westarp“ weiterführen.

Mehr dazu in der Samstagsausgabe der „Glocke“.

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