Dichter bescheren dem Publikum Glück
Bild: Wille
Die Teilnehmer des Ennigerloher Dichtungsrings, Gerd Geiser (Platz zwei), Elli Bunt (Platz drei), Andreas Graf, Heike Dahlmanns (Platz eins), Volker Teodorczyk und Erich Carl (v. l.), begeisterten das Publikum in der Alten Brennerei.
Bild: Wille

 „Lyrik ist ein Hauch von Glück. Ein Gedicht rettet den Tag.“ Mit diesen poetischen Worten hatte Edith Barth, Vorsitzende des Kulturvereins Alte Brennerei, den lyrischen Abend eröffnet. Die Besucher bekamen nicht nur einen Hauch von Glück, sondern gleich tonnenweise davon geschenkt. Ihr Tag dürfte definitiv gerettet gewesen sein, nachdem gleich sechs Dichter am Freitag ihre Werke vorgetragen hatten.

Heike Dahlmanns gewinnt

Heike Dahlmanns war nicht zum ersten Mal als Teilnehmerin beim Dichtungsring dabei. Ihre Hartnäckigkeit machte sich bezahlt. Ob Kritik an der Gesellschaft, die ohne ihr Smartphone nicht mehr auskommt und sich mit Piercings und Tattoos entstellt, nachdenkliche Zeilen zur Vermüllung der Meere oder freche Verse, in denen Donald Trump alias das Trumpeltier sein Fett wegbekommt: Die Lyrik von Heike Dahlmanns traf ins Schwarze, und das Publikum wählte sie auf Platz eins.

Zweiter Platz für Gerd Geiser

Gerd Geiser war auf der Suche nach dem richtigen Therapeuten. „Der erste, der hieß Sching Schang Schong, er war ein wenig teuer. Er pendelte mich dauernd aus, das war mir nicht geheuer. Das Pendel schwang nach rechts und links wie es bei Pendeln Sitte, und Sching Schong klärte mich dann auf: ‚Mein Sohn, dir fehlt die Mitte‘“. Was Geiser in seiner in Reim und Rhythmik perfekt verpackten Geschichte noch erlebte, war witzig und skurril zugleich. So viel Humor und Kreativität wurde vom Publikum mit dem zweiten Platz belohnt.

Elli Bunt erhält Platz drei

Elli Bunt – ihr Name war Programm – schritt im roten Kleid und mit roter Brille auf die Bühne. Sie reimte über volle Züge („Beklemmend ist die hitzge Enge, wenn man steckt in der Menschenmenge, ist ungeschützt vor Grabschereien und Handy-real-time-Kabbeleien.“), lästige blutsaugende Mücken und die wahre Geschichte des Struwelpeters. Ihre vielseitige Lyrik belohnten die Gäste des Abends in der Alten Brennerei mit Platz drei.

Es gibt keine Verlierer

Auch wenn nur die ersten drei Gewinner beim Ennigerloher Dichtungsring mit einem Präsent bedacht werden, gab es am Freitagabend dennoch keine Verlierer. Auch die übrigen drei Teilnehmer mussten sich mit ihren frechen Versen keineswegs verstecken. Da dürfte es dem Publikum alles andere als leicht gefallen sein, seinen Favoriten zu bestimmen. „Das ist, glaube ich, heute Abend eine ganz enge Geschichte“, vermutete auch Moderatorin Edith Barth.

Effi Briest in sechs Worten

Andreas Graf lieferte mit dem Gedicht „Jörgs Föhn“ wilde Wortspiele mit einem Umlaut und widmete einem Schamhaar lyrische Zeilen. Er traute sich sogar, Theodor Fontanes Roman Effi Briest auf sechs Worte herunterzubrechen: („Kuss, Genuss, Erguss. Verdruss, Schuss, Schluss.“). Er hatte die Lacher des Publikums auf seiner Seite.

Mutige Kritik

Erich Carl war der Dichter, der sich mit seiner Lyrik am weitesten aus dem Fenster lehnte. Denn er hatte den Mut, mit einem seiner Gedichte Kritik an der Türkei und an Staatschef Recep Tayyip Erdogan zu üben. Mehr Lacher erntete er allerdings für das Gedicht „überflüssige Kilos“, in dem eine Frau 70 Klogramm verliert, indem sie ihren Ehemann loswird, oder für das Werk „Ratschlag für ein langes Leben“, in dem Schnaps als Lebenselixier angepriesen wird („Oma trinkt das Zeug auf ex. Heute wird sie 106.“)

Zum ersten Mal auf der Bühne

Volker Teodorczyk gestand, das erste Mal vor Publikum zu stehen. Dass er mit seinen Versen durchaus auf die Bühne gehört, bewies er mit Werken wie „Das Wunder“ („Ich war ne Woche mal Messias, wie gern schau ich noch die Dias. Als ich das Wunder zelebrierte, und Schnaps aus Altöl destillierte.“) oder mit „Olympischer Gedanke“, in dem er versucht, beim Sturz vom Balkon Bestnoten zu erhalten.

Keine Frage, wer den Dichtern zuhören durfte, hatte Glück. Wer mal wieder einen Abend retten will, der sollte beim Dichtungsring 2019 dabei sein.

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