Rehkitze – nur anschauen, nicht anfassen
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„Auf gar keinen Fall sollten Rehkitze mitgenommen werden“, sagt Nina Nienkemper. Sie kümmerte sich kurzzeitig um ein Kitz (Bild), das Spaziergänger in Westkirchen am Wegesrand entdeckt hatten. Dem Deutschen Jagdverband zufolge werden Rehkitze in den ersten Lebenswochen von ihren Müttern zum Schutz vor Fressfeinden wie dem Fuchs im hohen Gras oder am Waldrand abgelegt und nur zum Säugen aufgesucht.
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„Das sollte man auf keinen Fall machen“, betont Nina Nienkemper. Die Ennigerloherin nahm das Kitz kurzzeitig bei sich auf, nachdem die Spaziergänger es zuvor beim Wildtierasyl Kreis Warendorf in Westkirchen abgegeben hatten. Nina Nienkemper verständigte die Polizei. „Viele wissen nicht, dass es sich wie in diesem Fall um Wilderei und damit um eine Straftat handelt“, erklärt sie und appelliert, an alle, die ein Kitz entdecken: „Einfach weitergehen und später noch einmal vorbeischauen. Wenn sich die Situation nicht verändert hat, die Polizei rufen. Die wird sich mit dem zuständigen Jäger in Verbindung setzen, und der wird entscheiden, ob es gesichert werden muss oder ob die Ricke das Kitz nur abgelegt hat.“ 

Wichtig, Menschen aufzuklären

Es sei wichtig, die Menschen aufzuklären, betont die Ennigerloherin, die selbst zwei Rehe in ihrem Garten hält. So sollten Kitze oder anderes Jungwild wie Junghasen auf keinen Fall angefasst werden. „Haftet menschlicher Geruch an ihnen, werden sie wahrscheinlich verstoßen“, erklärt Nina Nienkemper. Schlimmstenfalls endet das nicht nur für das Kitz tödlich, sondern auch für die Ricke. „Die Mutter kann einen Milchstau bekommen, der zu Entzündungen führt.“ 

Die sogenannte Brut- und Setzzeit, in der Wildtiere ihre Jungen zur Welt bringen, hat Anfang April begonnen. Dem Deutschen Jagdverband zufolge werden Rehkitze in den ersten Lebenswochen von ihren Müttern zum Schutz vor Fressfeinden wie dem Fuchs im hohen Gras oder am Waldrand abgelegt und nur zum Säugen aufgesucht. Die Jungen haben noch keinen Eigengeruch und sind aufgrund ihrer Färbung gut getarnt. Freilaufenden Hunden seien sie dagegen schutzlos ausgeliefert. „Die sollten unbedingt angeleint werden“, rät Nina Nienkemper. 

Das Bockkitz, das die Spaziergänger gefunden haben, hat in einer Pflegestelle, in der bereits ein weiteres Kitz mit der Flasche aufgezogen wird, ein neues Zuhause gefunden. Vorübergehend. „Nach rund einem Jahr soll es ausgewildert werden“, sagt Nina Nienkemper.

Viele Wildtierasyle nehmen keine Rehe auf

Nina Nienkemper kann sich gut in die Situation der Spaziergänger hineinversetzen. Die Ennigerloherin hat im Mai vergangenen Jahres ein Rehkitz bei sich aufgenommen, nachdem dessen Mutter mit einem Pkw kollidiert war. Ein befreundeter Jäger hatte damals mit ihr Kontakt aufgenommen, nachdem keine Auffangstation für das Jungtier hatte gefunden werden können. 

Nina Nienkemper zog das damals 20 Zentimeter große und nur 1180 Gramm schwere Kitz, das sie auf den Namen Tilda taufte, mit der Flasche auf. „Die Aufzucht ist sehr zeitintensiv. Alle zwei Stunden gibt es ein Fläschchen“, erklärt die Sonderpädagogin, die sich nach eigenen Angaben intensiv mit Tiermedizin beschäftigt hat. Das sei auch einer der Gründe, warum nicht viele Wildtierasyle Rehe bei sich aufnähmen. Weitere seien die Kosten – rund 200 Euro pro Monat – und der Platz. Tildas Gehege wird momentan vergrößert – auf 1200 Quadratmeter. 

Bock soll ausgewildert werden 

Seit einiger Zeit teilt sich die Ricke den Garten von Familie Nienkemper mit Rehbock Finley, der aus einem Wildpark stammt und einen ähnlich schweren Start ins Leben hatte. Auch seine Mutter ist gestorben. Heute erfreuen sich die Rehe bester Gesundheit und vertilgen mehr als 20 Kilogramm Futter pro Woche. Während Finley wieder ausgewildert werden soll, wird Tilda bei Familie Nienkemper bleiben. Die Jagdbehörde hat eine Auswilderung untersagt. „Sie ist auf einem Auge blind. Das wäre für Mensch und Tier im Straßenverkehr zu gefährlich“, erklärt Nina Nienkemper.

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