Schädel aus Namibia im Wohnzimmer
Auf den Spuren seines Großonkels, des Oblatenpaters Alois Ziegenfuß, ist der Ennigerloher Gerhard Ziegenfuß nach Namibia gereist. Das Bild zeigt ihn vor der Ansiedlung Döbra nahe der Hauptstadt Windhoek, wo sich ein Zentrum des Oblaten-Ordens befindet.

Ein menschlicher Schädel steht zwischen Jagdtrophäen im Wohnzimmer der Eltern: Mit diesem  Bild ist Gerhard Ziegenfuß aufgewachsen. Das Andenken kam

Pater Alois Ziegenfuß
vor rund 100 Jahren aus Afrika zur Familie des Ennigerlohers. Sein Großonkel Alois hatte ihn mit der Schiffspost geschickt. Heute hat Gerhard Ziegenfuß den Schädel. Der pensionierte Studienrat versucht schon lange, das Stück nach Afrika zurückzubringen. Noch hatte er damit keinen Erfolg.

Sein Großonkel Alois Ziegenfuß war Pater des Ordens Oblaten der unbefleckten Jungfrau Maria. Im Jahr 1900 ging der 28-Jährige nach Deutsch-Südwestafrika, ins heutige Namibia. Bis zu seinem Tod 1948 war er dort katholischer Missionar. Eine Straße in Windhoek wurde nach ihm benannt.

Schädel erhielt Ehrenplatz auf dem Schrank

„Der Oblatenpater war nicht nur Seelsorger, sondern auch passionierter Jäger“, sagt sein Großneffe Gerhard Ziegenfuß. „Viele Trophäen afrikanischer Tiere schickte er an die Verwandtschaft in der alten Heimat.“ Vermutlich mit den Trophäen sei der menschliche Schädel ins Elternhaus des Ennigerlohers gelangt, das im thüringischen Dingelstädt stand. „Er erhielt einen Ehrenplatz auf dem Wohnzimmerschrank, sollte er doch von einem afrikanischen Häuptling stammen.“

Kann das stimmen? Wem gehörte der Schädel? Dieser Frage versuchte Gerhard Ziegenfuß in den vergangenen Jahren auf den Grund zu gehen. Doch der Schädel schien

Die Schädel aus Namibia stammen zum Teil von Toten der Herero und Nama. Gegen diese ethnischen Gruppen führten die Deutschen von 1904 bis 1908 einen Krieg. Er mündete in einen Völkermord, in dem bis zu 85.000 Herero-Angehörige und etwa 10.000 Nama ums Leben kamen. Sein Großonkel habe nichts damit zu tun gehabt, ist sich Gerhard Ziegenfuß sicher. „Der Schädel war schon begraben gewesen. Er soll meinem Onkel geschenkt worden sein.“ Der Völkermord wird durch eine UN-Konvention anerkannt, aber von der Bundesregierung nicht als solcher bezeichnet.
auch Wissenschaftler vor Rätsel zu stellen. Eine Untersuchung der Charité in Berlin ergab, es müsse sich um eine kaukasische – weiße – Frau gehandelt haben. „Die Wissenschaftler haben sich vergaloppiert“, betont Ziegenfuß. Dann fand die Rechtsmedizin der Universität in Münster heraus, dass der Schädel einem Mann aus dem westlichen oder zentralen Bereich des südlichen Afrikas gehört habe. Die Universität München ging dann nach einer Untersuchung präziser von einem männlichen Schädel aus dem Norden Namibias aus.

Bereits 2008 hatte Gerhard Ziegenfuß Kontakt zur namibischen Botschaft in Berlin aufgenommen. Er wollte den Schädel zurückgeben, damit er in der Heimat würdevoll bestattet werden kann. Doch auch jetzt, nachdem der Schädel mehrmals untersucht worden ist, befindet er sich noch in Ennigerloh. „Die namibische Seite lässt mich im Stich.“

Rückgabe verzögert sich

In der Kolonialzeit kamen viele Schädel aus Afrika nach Deutschland. Forschungen an ihnen sollten die Unterlegenheit der „afrikanischen Rasse“ beweisen. Die Botschaft Namibias in Berlin sei jedoch erstaunt gewesen, als sie von dem Schädel bei Gerhard Ziegenfuß in Ennigerloh erfahren habe. „Es ist ungewöhnlich, dass Privatleute so etwas haben“, erklärt Rita Herkenrath von der Botschaft auf Anfrage der „Glocke“. „Es gab zwei Rückführungen an Namibia. 2011 übergab die Berliner Charité 20 Schädel, 2014 weitere 21. Dazu kamen 14 Schädel von der Universität Freiburg.“

Die Botschaft wolle auch dabei helfen, den Schädel aus Ennigerloh nach Namibia zu bringen, gemeinsam mit weiteren der Charité. „Das wird sich aber noch verzögern. In Namibia trat erst am 21. März eine neue Regierung zusammen, die vorher noch viele andere Aufgaben erfüllen muss.“

Gerhard Ziegenfuß reiste vor kurzem selbst nach Namibia, um mehr über den Schädel und seinen Großonkel in Erfahrung zu bringen. Der WDR 3 machte daraus die 55-minütige Sendung „Warum Herr Ziegenfuß nach Afrika muss“. Sie ist am Samstag, 9. Mai, 12.05 Uhr, und nochmal am Sonntag, 10. Mai, 15.05 Uhr, zu hören.

SOCIAL BOOKMARKS