Siegerin bekennt ihren Hang zum Ö
Bild: Helmers
Die strahlende Gewinnerin, die gebürtige Russin Alexandra Berlina, nahm am Freitagabend den Dichtungsring in der Alten Brennerei Ennigerloh entgegen. Das Bild zeigt (v.l.) die Organisatoren Edith Barth und Klaus Höfer, Publikums-Gewinnerin Alexandra Berlina, Norbert Lütke (2. Jurypreis), Ina Kramer (1. Jurypreis), Moderator Klaus Metker und Gabriele Franke (3. Jurypreis).
Bild: Helmers

Im Gegenteil: Die gebürtige Moskauerin reimte sich mit ihren Werken am Freitagabend in der Alten Brennerei in die Herzen der Zuschauer und gewann. Die Strophen über Ödipus wurzeln in einer Vorliebe der 29-jährigen Autorin und Übersetzerin für einen Umlaut, erfuhren die Zuhörer: „Ich habe es geschrieben, weil ich – als Ausländerin, die sich traut, in der Fremdsprache Deutsch Gedichte zu schreiben – das Ö so mag“.

Das Gedicht „Sphinx verzichtet auf Suizid“ nimmt nicht nur für Ödipus kein gutes Ende. Da der Königssohn nun nicht mehr seine Mutter heiratet, kann auch der Psychoanalytiker Freud seine These vom Ödipus-Komplex nicht an den Mann bringen. „Sigmund hat keine Kunden.“

Vier Frauen und zwei Männer wetteiferten am Freitag um den Dichtungsring. Damit waren zum ersten Mal in dieser Veranstaltungsreihe die weiblichen Poeten in der Überzahl. Auch beim Jurypreis schnitten die Frauen gut ab: Platz 1 sicherte sich Ina Kramer aus Düsseldorf. Ihr lyrisches Ich fand sich zum einen mit dem Tod im Tretboot wieder – und einem Glas Punsch – und gab zum anderen bitterböse Kommentare zu „geselligen Weibern“ und „biederen Familienvätern“ vor einem Café ab – in der Hoffnung, „dass es bald regnet“.

Zweitplatzierter wurde der Düsseldorfer Werbetexter Norbert Lütke, der in Beckum geboren ist. Er präsentierte biblische Gedichte. „Das hat den kolossalen Vorteil, dass ich ganz von vorne anfangen kann.“ So begann er bei Gott, der die Welt erschuf, damals „war Landschaftsbau sein Hauptberuf“, und ging weiter zu Adam und Eva, die im Paradies ihren Schöpfer übers Ohr hauen.

Über den dritten Platz freute sich Gabriele Franke aus Bochum, die bereits Trägerin mehrerer Lyrikpreise ist. Die Illustratorin und Lehrerin verführte das Publikum mit ihrer süßen Leidenschaft. „Mein Lieblingsessen ist Kuchen“, sagte sie und ließ einige Gedichte über zuckrige Versuchungen folgen. Nachdenkliche Töne äußerte sie im Gedicht „Nachrichtenzeit“. Darin lassen Hungerkatastrophen die Fernsehzuschauer bei Bier, Käse und Crackern völlig kalt.

SOCIAL BOOKMARKS