„Tiefe Verbundenheit mit der Kirche“
Bild: Hübl

Viele Besucher an der Baustelle äußern Unverständnis, Zorn, aber auch Trauer und Hilflosigkeit über den Abriss der St.-Ludgerus-Kirche in Ennigerloh. „Die Glocke“ hat dazu Pfarrer Andreas Dieckmann befragt.

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„Die Glocke“: Mit dem Kirchenabriss mehrt sich Kritik an diesem Vorgehen. Warum ist dies so, obwohl bereits vor Jahren der Abriss beschlossen und bekannt gemacht wurde?

Pfarrer Dieckmann: Seit einigen Jahren ist bekannt, dass wir als Kirchengemeinde uns von der St.-Ludgerus-Kirche trennen müssen. Dass die Kritik sich nun mehrt, hat meines Erachtens mehrere Gründe. Viele Menschen haben die Entwicklung der vergangenen Jahre nicht so wahrgenommen, weil sie nicht mehr mit der Kirchengemeinde so fest verbunden sind. So hatten wir vor zwei Wochen noch die Anfrage, dass jemand sein Kind in der Ludgeruskirche taufen lassen wollte – und erst da erfuhr, dass diese Kirche seit Juni profaniert ist. Manchmal wissen wir auch nicht, was jemand mit dieser Kirche verbindet. So sehe ich viele Menschen am Bauzaun, die ich vorher kein einziges Mal in meinen acht Jahren als Pfarrer hier in der St.-Ludgerus-Kirche gesehen habe. Das heißt auch: Manchmal weiß ich nicht um die tiefere Verbundenheit mit der Kirche – aber es gibt sie!

„Die Glocke“: Es werden Forderungen laut, die Türme als Wahrzeichen zu erhalten. Warum ist dies nicht möglich?

Pfarrer Dieckmann: Die erste Antwort: Das Areal ist planiert zu übergeben – so sieht es der Vertrag vor. Doch es gibt zwei weitere, tiefer gründende Antworten. Die eine: Die notwendige Sanierung und Erhaltung der Türme würde Summen erfordern, die die Kirchengemeinde nicht tragen könnte. Die zweite ehrliche Antwort: Ein Wahrzeichen ist im eigentlichen Wortsinn ein Zeichen der Wahrheit. Die Wahrheit ist: Wir als Kirche erleben einen tiefgreifenden Sozialgestaltswandel – von der ehemaligen Volkskirche zu einer Kirche der Minderheit, zumindest im Bereich der gottesdienstlichen Gemeinde. Ich bin der Meinung: Es gehört zur Wahrhaftigkeit, dass die äußeren Zeichen der inneren Verfassung entsprechen. Dass die Türme, die für das Stadtbild prägend waren, nun nicht mehr zu sehen sein werden, ist traurig. Aber es zeigt auch: Mit der sinkenden Zahl des Gottesdienstbesuches verbindet sich mehr als nur Zahlenwerk und statistische Erhebung.

„Die Glocke“: Die Baustelle ist Anziehungspunkt vieler Zuschauer. Wie erklären Sie sich das?

Pfarrer Dieckmann: Für mich ist es vor allem Ausdruck der Trauer. Und als solcher gilt für mich das, was mir in allen Trauerfällen ein Anliegen ist: Bewusst Abschied zu nehmen. Ich selbst bin fast täglich einmal an diesem Ort. Auch wenn der Anblick mich schmerzt, es hilft mir zu realisieren: Ja, es stirbt hier ein Stück Kirche. Und das tut weh. Doch letzten Endes ist die Frage berechtigt: Was wäre das für ein Glaube, der am Ende nur Ende sieht? Unser christlicher Glaube ist ein Auferstehungsglaube wider allen scheinbaren Unterganges.

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