Das letzte Treffen der Ermländer
Bild: gl
In der Sakristei der St.-Joseph-Kirche in Oelde stellten sich (v. l.) Daniel Lengenfeld, Lars Wesemann, Kaplan Dr. Christian Stenz, Msgr. Rainer Maria Lewald, Pfarrer Dr. Claus Fischer und Pastoralreferent Martin Grote beim letzten Oelder Ermländertreffen zum Gruppenfoto auf.
Bild: gl

Der Jesaja-Text (Jes 40,1-5.9-11) hat auf der Leseordnung gestanden. Zu trösten brauchten sich die langjährigen Organisatoren der Ermlandtreffen, Maria und Herbert Zerbe, allerdings nicht.

Denn trotz des Winterwetters waren laut Bericht mehr als 60 Heimatvertriebene an der Wibbeltstraße eingetroffen. Dennoch hatten die Zerbes den Beschluss gefasst, mit den Veranstaltungen aufzuhören. Pfarrer Dr. Claus Fischer sagte: „Schauen Sie doch einmal. Selbst beim heutigen Schneefall, der ein Durchkommen mit dem Auto kaum ermöglicht, sind die Ermländer hier. Die Zusammenkunft ist ihnen so wichtig, dass sie nicht zu Hause bleiben.“

Prälat Lewald stimmte zu: „In Osnabrück oder Bremen, wo höchstens noch 10 bis 15 Leute saßen, da haben wir Schluss gemacht, aber Oelde zählt immer noch zu einem der am besten besuchten Treffen in ganz Deutschland!“

Um den Trost ging es in der Vesper, bei der Kaplan Dr. Christian Stenz, Pastoralreferent Martin Grote sowie die Ministranten Lars Wesemann und Daniel Lengenfeld mitwirkten. Das „Tröstet, tröstet“ bezeichnete Fischer als eine evangeliumsähnliche frohe Botschaft, die einst für das Volk Israel gegolten habe und heutzutage von gleicher Bedeutung für das neue Gottesvolk, die Kirche und speziell die Ermländer sei. „Der Jesaja-Text enthält vor allem einen Zuspruch für das besiegte, aus der Heimat vertriebene Israel“, erläuterte der 87-jährige. „Die Menschen mussten als Gefangene im Umfeld der heidnischen Metropole Babylon leben. Sie blickten auf die gigantischen Götzentempel, fühlten sich von den Heiden besiegt und warfen Gott wahrscheinlich vor, dass er sich das alles hatte gefallen lassen. Immer mehr drohte den Israeliten die Gefahr, den Glauben aufzugeben und sich dem Heidentum anzugleichen, doch Gott schickte den Propheten Jesaja als Mutmacher und Tröster.“

Fischer deutete die Lesung: „Auch wir könnten uns mehr als 70 Jahre nach Flucht und Vertreibung fragen, ob wir diesen Gott überhaupt noch brauchen. Reicht uns nicht der Götze Wohlstand? Als wir unsere Heimat verlassen mussten, egal ob in Trecks, Massentransporten oder auf Schiffen, sind viele von uns unterwegs ertrunken, erfroren oder von den Eroberern erschossen worden. Gerade in dieser Situation war es der Glaube, der uns durchhalten ließ. Er hat uns bis heute getragen.“

SOCIAL BOOKMARKS