Hennig: Hausärzte sind die Frontkämpfer
Foto: Springer
Für die Flucht nach vorn hat sich der Oelder Hausarzt Dr. Jörg Hennig entschieden, schon zu Beginn der Pandemie. Mit einer Mischung aus Gottvertrauen, Entschlossenheit und Humor treten er und sein Praxis-Team als Corona-Fighter auf.
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In Oelde kämpfen etliche Menschen seit einem Jahr gegen das Coronavirus. „Die Glocke“ hat vier dieser Kämpfer gesprochen, die aus Oelde kommen oder in Oelde arbeiten – darunter sind ein Intensivpfleger, die Leiterin des Kreisgesundheitsamts, ein Ordnungsamtsmitarbeiter sowie ein Hausarzt. Mit Dr. Jörg Hennig hat „Die Glocke“ über Corona-Fighter-Bücher und anstehende Impfungen bei Hausärzten gesprochen.

„Die Glocke“: Sie drehen Videos mit Ihrem Corona-Fighter-Jeep für Ihre Internetseite, verteilen Corona-Fighter-Bücher – somit gehen Sie anders als viele Hausärzte mit der Corona-Situation um. Warum?

Hennig: Naja, das ist unser Weg geworden, mit der Pandemie umzugehen. Unsere ersten Patienten haben sich bereits Anfang März vergangenen Jahres infiziert – also zu einer Zeit, als Deutschland gerade „überrascht“ wurde. Einer von den beiden wurde im Verlauf schwerst krank und viereinhalb Wochen lang beatmet. Noch heute kämpft er mit den Folgen. Wir wurden also schon früh kalt erwischt. In dieser Zeit, als man noch zu wenig über das Virus wusste, darf man als Arzt nicht ängstlich und passiv sein. Da half mir persönlich Gottvertrauen und meinem Praxis-Team die Entschlossenheit, Corona-Fighter zu werden und uns so zu nennen. Das war reine Psychologie. Dabei ist auch das Video mit dem alten Willys Jeep für einen Oldtimer-Kanal entstanden. Da haben sich Hobby und Berufung mit Humor gemischt. Das Corona-Fighter-Buch haben wir entworfen, als uns Kollegen vom Gesundheitsamt ihre schwierige Lage bei der Kontaktverfolgung schilderten und Patienten die Erkrankung unvorbereitet traf. Jeder kann dort etwa eintragen, wann er wo mit wem Kontakt hatte. Auch Vorerkrankungen können notiert werden. Es ist ein Hilfebuch für das Selbst-Management in der Pandemie.

„Die Glocke“: Die Pandemie-Bekämpfung wirkt bei Ihnen wie Ihre Mission.

Hennig: Das ist unser Job. Als Hausarztpraxis möchten wir unsere Patienten bei der Krankheitsbewältigung unterstützen und klären auf. Dazu nutzen wir unsere Homepage, Newsletter und Facebook.

„Die Glocke“: Welchen Beitrag leisten Hausärzte in der Krise?

Hennig: Hausärzte sind die Frontkämpfer. Unser Auftrag war es sofort, aufzuklären, Ängste zu mindern, Erkrankte zu erkennen, zu behandeln, zu begleiten und zu entscheiden, wann eine stationäre Maßnahme notwendig wird. Darüber hinaus unterstützen wir das Gesundheitsamt, führen Massentests durch wie beim Fall Tönnies, als die Menschen verreisen wollten, oder jetzt bei den Bürgertests.

„Die Glocke“: Wie stark beeinträchtigt die Corona-Pandemie Ihren Praxisalltag?

Hennig: Die Pandemie bestimmt den Praxisablauf vollends. Wir haben vor einem Jahr die Wege zu den Behandlungsräumen nach außen verlegt, Glaswände eingebaut, ein Behandlungszelt aufgestellt, eine Außenrezeption eingerichtet, eine Videosprechstunde angeboten, später einen separaten Testraum eingerichtet und Luftfilter installiert. Nun können wir sehr sicher behandeln. Das wird jetzt Routine.

„Die Glocke“: Wie bewerten Sie den Corona-Kampf in Deutschland?

Hennig: Ich finde die fehlende Einsicht einiger Bevölkerungsgruppen am schlimmsten. Wie lange werden wir als Corona-Fighter – und damit meine ich alle, die täglich daran arbeiten, dass die Pandemie weniger schwer verläuft – so ambitioniert weiter machen, wenn das rücksichtslose Verhalten einiger uns das Leben schwer macht? Mit mehr Vernunft im persönlichen Handeln müssten die Maßnahmen der Regierung weniger einschneidend sein.

„Die Glocke“: Auch Hausärzte sollen bald impfen können. Was ist Ihre Meinung dazu?

Hennig: Nach Ostern soll es endlich so weit sein. Aber während wir im Herbst unsere Patienten in Massen gegen Grippe impfen konnten – 100 in der Stunde waren kein Thema – sollen wir als Hausarztpraxis jetzt 20 Impfungen in der Woche erhalten. Wie verteilen wir die gerecht? Wie werden es die verstehen, die den Impfstoff benötigen, aber noch nicht erhalten können? Das macht uns Kopfzerbrechen und stellt uns vor schwierige Entscheidungen. Wir wollen gern alle impfen können – und zwar sofort.

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