Die Rolle der Frau im Islam
Auf Einladung der Pax-Christi-Gruppe Sendenhorst hielt Dr. Dina El Omari, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster und Vertreterin einer feministischen Koranauslegung, im Haus Siekmann einen Vortrag über die Rolle der Frau im Islam.

Eingeladen worden war sie von der Pax-Christi-Gruppe Sendenhorst. El Omari wies darauf hin, dass es gegenüber muslimischen Frauen oft Vorurteile gebe. Ihnen werde vorgeworfen, dass sie unterdrückt würden sowie ungebildet und unemanzipiert seien. Laut El Omari entspricht das nicht der Realität. Statistische Erhebungen im Bildungssystem zeigten, dass in den vergangenen Jahren muslimische Frauen überproportional starke Bildungsanstiege vorwiesen, auch im akademischen Bereich. So seien zum Beispiel an ihrem Institut in Münster 65 Prozent der Studierenden Frauen.

Übermäßige Sexualisierung der Geschlechter

Laut El Omari hat der Islam ein großes Problem mit von Männern geprägten patriarchalen Strukturen und Koranauslegungen. Diese seien teilweise verhärtet und schwer aufzubrechen. Das gelte vor allem für die Auslegung des Korans. Der Mann habe den Koran seit circa 1400 Jahren durch eine patriarchalische Brille gelesen und entwickelt. Dadurch sei das Frauenbild sowie das Verhältnis von Mann und Frau patriarchalisch geprägt. Besonders deutlich wird das laut El Omari an der übermäßigen Sexualisierung der Geschlechter. So werde die Frau schnell zum Objekt der Begierde des Mannes abgestempelt, das möglichst verhüllt sein solle. Der Mann wiederum werde als schwaches Individuum dargestellt, das seine Triebe nicht im Griff habe.

Koran spricht kein Kopftuchgebot aus

So verwundere es nicht, dass das Kopftuch oft zum Symbol eines falsch verstandenen Geschlechterverhältnisses werde. Laut El Omari spricht der Koran kein Kopftuchgebot aus. Darin werde das „Überziehen der Gewänder“ mit dem Argument des Schutzes und des Erkennens begründet. Laut El Omari ist Schutz aber ein Kriterium, das nach dem jeweiligen Ort und der jeweiligen Zeit anders ausgelegt werden muss. Vier islamische Rechtsschulen sehen das Kopftuchtragen inzwischen auch als Bestandteil des Gebets an und geben ihm einen spirituellen Gehalt. Auch wenn die Frau alleine bete, trage sie es. Das Kopftuch sei somit ähnlich wie im Judentum und teilweise im Christentum ein Zeichen der Demut vor Gott.

Auf Nachfrage erklärte El Omari, dass sie selbst das Kopftuch seit dem 27. Lebensjahr trage – aus spirituellen Gründen. Sie betonte, dass eine Frau nicht zum Tragen gezwungen werden sollte. Es sei allein ihre freie persönliche Entscheidung. Innerislamisch sollte ihrer Meinung nach den Frauen, die kein Kopftuch tragen, Toleranz und Wertschätzung entgegengebracht werden.

Drei wissenschaftliche Methoden

Dr. Dina El Omari befasste sich in ihrem Vortrag mit dem Problem, dass es im Koran einige kritische Stellen gebe, die häufig angeführt würden, um eine Benachteiligung der Frau im Islam zu verdeutlichen. Die feministische Auslegung des Korans habe sich diesem Problem gestellt und drei Methoden entwickelt, ihm zu begegnen. Zur Verdeutlichung führte El Omari beispielhaft einige Koranverse an.

Die erste Methode, „Historische Kontextualisierung“ genannt, ermöglicht laut El Omari eine überzeitliche Interpretation der Verse. Bei dieser Methode würden die sozialen, kulturellen und politischen Umstände zum Zeitpunkt der Offenbarung ergründet. Dann folge die Abstrahierung der konkreten Offenbarungsanweisung, so dass man generelle Prinzipien erhalte. In einem dritten Schritt würden diese Prinzipien in den heutigen, modernen Lebenskontext übertragen und angewendet.

Die zweite Methode ist die der „Intratextualität“. Hierbei gehe es darum, so El Omari, die Koranverse im Zusammenhang mit anderen Koranversen der gleichen Thematik und nicht einzeln isoliert nebeneinander (atomistisch) zu lesen. Der Koran als Ganzes habe eine definitive Haltung zum Leben. Die gängige atomistische Lesart der traditionellen Koranauslegung habe letztendlich zu einem verzerrten Bild der Rolle der Frau geführt.

Die dritte Methode ist die „Tawhid-Methode“. Ihre Grundlage ist das Kernkonzept des Tawhid im Islam, das heißt, dass Gott einzig und nicht vergleichbar ist („Eingott-Glaube“, wie im Christen- und Judentum auch).

Feministische Koranauslegung ist im Kommen

Im Anschluss an den Vortrag wurde noch intensiv diskutiert. Dabei wies El Omari auch darauf hin, dass die feministische Koranauslegung im Kommen sei, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass die traditionelle Koranauslegung kaum Argumente habe, um dem terroristischen Islam der Neuzeit wirkungsvoll entgegentreten zu können.

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