Wadersloherin forscht in Harvard
Gerburg Wulf ist Professorin an der Harvard Medical School

Dabei war nach ihrem herausragenden Abitur gar nicht sofort klar, dass sie einmal Medizin studieren würde. Die Lehrer hätten ihr damals zu Philosophie und Sprachwissenschaften geraten, verrät ihr Vater Dr. Georg Wulf. Seine Tochter jedoch sei unsicher gewesen. „Was meinst Du?“, fragte sie ihn. „So ein Studium könnte beruflich schwierig werden“, antwortete er und schlug als Tierarzt eine naheliegende Alternative vor – das Medizinstudium. Zu diesem Zeitpunkt allerdings konnte sich Gerburg Wulf noch nicht endgültig entscheiden, also begann sie alle drei Fächer in Münster zu studieren. Nach und nach merkte sie dann aber: Die Philosophie ist relativ, die Medizin schön exakt. Also spezialisierte sich die gebürtige Wadersloherin auf die Humanwissenschaft – und zwar so erfolgreich, dass sie über die Stationen Münster, München und Heidelberg nach Harvard gelangte.

Sie ist in Harvard geblieben und leitet dort ein Labor, in dem erforscht wird, wie Tumore bestimmten Krebstherapien widerstehen. Ziel ist es, neue Arzneimittelkombinationen zu entwickeln, die zielgenau wirken und weniger toxisch sind.

„Glocke“-Redakteurin Alexandra Edelkötter sprach mit der ausgezeichneten Medizinerin über ihre Forschungserfolge, den Stellenwert, den Deutschland in der Behandlung von Brustkrebs besitzt und über Risikofaktoren, die zu der Krankheit führen können.

„Die Glocke“: Für welche Forschung genau haben Sie den Stiftungspreis erhalten?

Dr. Gerburg Wulf: Ich entwickele in meinem Labor mit meinem Team Kombinationen von Wirkstoffen, die Krebszellen gezielt angehen, indem sie sie an ihrem Wachstumsmechanismus angreifen.

 „Die Glocke“: Handelt es sich dabei um eine Art Chemotherapie?

Dr. Wulf: Nein, weil diese Medikamente keine Nebenwirkungen wie Haarausfall besitzen. Das liegt daran, dass die Wirkstoffe nur auf das Wachstum von Krebszellen abzielen, nicht auf das Wachstum normaler Zellen. Zudem ist die toxische Nebenwirkung der Medikamente sehr viel geringer.

„Die Glocke“: Gibt es diese Medikamente auch in Deutschland?

Dr. Wulf: Ein paar schon. Andere werden 2020 auf den Markt kommen. Deutschland ist uns da ziemlich auf den Fersen.

„Die Glocke“: Wie bewerten Sie generell das Niveau der Brustkrebsforschung in Deutschland?

Dr. Wulf: Die deutsche Brustkrebsforschung leistet international einen großen Beitrag. Besonders in der Phase III der klinischen Studien, in der Arzneimittel an einem größeren Patientenkollektiv erprobt werden, um zu sehen, ob sich Wirksamkeit und Unbedenklichkeit bestätigen lassen, sind die Deutschen sehr gut organisiert. Ein Grund dafür ist, dass sich die Brustkrebszentren sehr gut miteinander abstimmen. International verlässt man sich darauf, was diese großen Studien in Deutschland ergeben. Nicht so gut läuft es in Deutschland in der vorklinischen Forschung, wenn es darum geht, neue Konzepte für die Behandlung von Brustkrebs zu entwickeln. Ich bin nicht sicher, woran das liegt. Diese Forschungen sind sehr teuer, vielleicht ist das ein Grund. Vielleicht ist es auch schwierig, in Deutschland solche Forschungseinheiten an den Unikliniken anzusiedeln. 

„Die Glocke“: Brustkrebs gilt mittlerweile als gut therapierbar. Was war der entscheidende Durchbruch in der Forschung?

Dr. Wulf: Da gibt es mehrere Dinge, besonders die Weiterentwicklung in der Chirurgie. Durch stark verbesserte bildgebende Verfahren können die Chirurgen viel exakter und effektiver arbeiten. Zudem hat sich die Diagnostik verfeinert. Uns gelingt es viel besser, zu identifizieren, welche Krebsarten lebensgefährlich sind und welche nicht. Wir verstehen, wie die Biologie des Krebses funktioniert. In den USA sterben zwar pro Jahr noch 40 000 Frauen an Brustkrebs, 90 Prozent der Kranken werden aber geheilt.

„Die Glocke“: Was war damals der Grund, sich auf die Fachgebiete Onkologie und Brustkrebs zu spezialisieren?

Dr. Gerburg Wulf: Ende der 1990er-Jahre sind noch so viele Menschen an soliden Tumoren gestorben. Es gab damals zu wenige Leute, die sich mit der Krankheit Krebs beschäftigt haben. Meine Großmutter und meine Mutter sind an Bauchspeichelkrebs gestorben. Die Erforschung von Krebs stellte für mich eine große Herausforderung dar und erschien mir das wichtigste Ziel.

„Die Glocke“: Wenn Sie sehen, wie weit die Forschung in puncto Brustkrebs heute ist – gibt Ihnen das Hoffnung auch für andere Krebserkrankungen?

Dr. Wulf: Auf jeden Fall. Wir können vom Brustkrebs viel lernen. Zum Beispiel sind sich Eierstockkrebs, Prostatakrebs und Brustkrebs molekular so ähnlich, dass wir in einem frühen Stadium einer Studie die Patienten häufig gleich behandeln.

„Die Glocke“: Wie kann ich das eigene Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, minimieren?

Dr. Wulf: Es ist klar, dass die Ernährung eine wichtige Rolle spielt. Wichtig ist eine zuckerarme Ernährung. Wer regelmäßig Sport treibt und auf sein Gewicht achtet, minimiert sein Risiko ebenfalls. Was viele nicht wissen – regelmäßiger Alkoholkonsum ist in Bezug auf das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, gefährlicher als das Rauchen. Man kann sicher Weihnachten oder Silvester etwas Sekt oder Wein trinken, aber das tägliche Glas Alkohol ist bei Frauen eher schädlich. Viel ist zudem genetisch bedingt, daher sollten bei einer familiären Vorbelastung medizinische Testings durchgeführt werden. Das Entscheidende aber ist die Mammografie. Die dreidimensionale Bildgebung hilft enorm weiter.

SOCIAL BOOKMARKS