Bürger stolpern über Schicksale
Bild: Feldhaus
Hier sind an der Münsterstraße 7 die Steine für vier Mitglieder der jüdischen Familie Spiegel verlegt worden, die von den Nazis vertrieben und ermordet wurden.
Bild: Feldhaus

Die Familie Anspacher ist eine von zwei jüdischen Familien, an die mit der aktuellen Verlegung gedacht wird. Fünf Steine werden in das Pflaster vor dem Haus Lange Kesselstraße 23 eingelassen. Es ist jeweils der letzte, selbst gewählte Wohnort der NS-Opfer. Gaby Cesman und ihre Familie begleiten die Zeremonie aufmerksam. Ihnen gefällt diese Art der Erinnerung gut. Und sie sind wegen der Stolpersteine erstmals dorthin zurückgekehrt, wo ihre Familie bis zum Zweiten Weltkrieg lebte – nach Warendorf.

An der Langen Kesselstraße sind viele Menschen versammelt, die Matthias M. Ester, dem Sprecher der Stolperstein-Initiative, und einer Reihe von Paten, die die Steine gesponsert haben, zuhören. Sie – darunter Schüler des Paul-Spiegel-Berufskollegs, die die Anspachers ausfindig gemacht haben – berichten vom Schicksal von Johanna Stern, Erna Hertz, Julius, Josef und Rudolf Anspacher. Wie sie diskriminiert und eingeschüchtert wurden, wie sie sich schließlich 1938 nach Südamerika auswanderten. Ein Teil der Familie lebt noch heute in Uruguay.

Andere neue Stolperstein-Orte in Warendorf erzählen andere Schicksalsgeschichten, etwa an der Klosterstraße 18. Dort wohnte der Franziskanerpater Josef Markötter, bis er wegen einer Predigt zunächst verhaftet und später nach Sachsenhausen deportiert wurde. Anonyme Paten haben den Stein gespendet, der gestern vor dem Kloster eingelassen wird.

An der Oststraße 18 lebten die Geschwister Ella, Arnold und Frieda Spiegel. Sie wurden – es handelt sich nicht um die Familie des berühmten Paul Spiegel – erst in die Armut getrieben und 1941 nach Riga deportiert. Frieda allerdings gelang 1938 die Flucht nach London. Schüler des Mariengymnasiums berichten von ihrer traurigen Geschichte. An der Münsterstraße 7 liegen seit gestern weitere vier Steine in Erinnerung an deportierte Spiegel-Familienmitglieder.

Für sie alle finden die Paten, Angehörigen und Interessierte Worte der Erinnerung. Am Ende jeder Verlegung werden Auszüge aus der UN-Menschenrechtscharta und dem Grundgesetz zitiert, um zu betonen, dass Ausgrenzung und Verfolgung der Vergangenheit angehören sollen. Im Anschluss versammeln sich alle zu einem Treffen in der Christuskirche. Der Gedenktag findet abends mit einer Veranstaltung im Mariengymnasium seinen Abschluss

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