Eine Sternstunde der Sangeskunst
Bild: Poschmann
Unter den Leitgedanken "Und mein Geist freuet sich" war das Konzert der Kölner Kantorei anlässlich des Jubiläums der Marienkantorei gestellt.
Bild: Poschmann

Die Gottesmutter drängte sich an dieser Stelle als musikalisches Thema geradezu auf, und so standen denn auch drei Vertonungen ihres Lobgesanges im Zentrum: „Und mein Geist freuet sich – Das Magnificat als revolutionärer Lobgesang“. In Zittau fand der Lutheraner Andreas Hammerschmidt (1612-1675) seine Wirkungsstätte. Wie niveauvoll er sie ausfüllte, demonstrierte sein deutsches „Magnificat“. Prachtvolle Klänge, die sich nicht im bloßen Virtuosentum verlieren, sparsame, aber effektvolle Textausdeutung, flexibel in seiner Tonsprache.

Nicht in seiner Tradition standen die beiden übrigen Vertonungen. Wolfram Buchenberg (geboren 1962) legt den einleitenden Jubelruf Mariens einer Solistin (Despina Koustoulidi) in den Mund, operiert achtstimmig mit zwei Chören, lässt einige Passagen auch sprechen beziehungsweise flüstern, spiegelt eher die Zerrissenheit der Welt. Keine stilistische Geschlossenheit sucht auch die Amerikanerin Jean Belmont (geboren 1939). Sie spielt gerne mit Takt und Tempo, grundiert viele Passagen mit einer Trommel (Reinhard Toriser) und bleibt insgesamt bei einem heiteren Grundton. Selbstverständlich deckt das „Magnificat“ das Thema Maria nicht ab. Drei sehr unterschiedliche Beispiele deuteten das an. Knapp und nur dreistimmig gestaltete Guillaume Dufay (gestorben 1474) sein „Ave regina caelrum“. Monteverdis „Ave maris stellis“ (Marienvesper) hingegen entfaltete den ganzen Prachtsinn seiner Zeit. Keiner liturgischen Textvorlage, vielmehr einem Gedicht von Luci Shaw folgte der Norweger Knut Nystedt (1915-2014): „Mary’s Song“. Maria hält ihren Sohn, dieses göttliche und zugleich menschliche Kind, im Arm und lässt ihre Gedanken in die Welt hinaus schweifen, mit einem Hauch von Schwermut, aber auch von Freude.

Eingestreut in dieses marianische Program waren die einzelnen Teile der Messe in Es-Dur (Op. 109) von Josef Rheinberger (1839-1901). Er verleugnet seine spätromantische Klangwelt nicht, agiert geschickt mit ihren Elementen, hat aber auch die Objektivität der Liturgie im Blick. Heraus kommt ein ungemein anspruchsvolles, farbiges Werk, das auch heute noch nichts von seiner Frische verloren hat. Mit der Vielfalt des Programms machte es die Kölner Kantorei den zahlreichen Zuhörern nicht immer leicht, forderte die Bereitschaft, sich auf sehr unterschiedliche Stile einzulassen. Niemals aber stand in Frage, dass hier ein Spitzenchor eine Sternstunde der Sangeskunst zelebrierte. Das honorierte der stürmische Schlussbeifall, dem noch eine besinnliche Zugabe folgte, die Bitte der Jünger von Emmaus: „Bleib bei uns, denn es will Abend werden“, in der Vertonung von Rheinberger.

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