Landgestüt Warendorf: Rechtliche Folgen unklar
Foto: Bredenhöller
Das NRW-Landgestüt in Warendorf beschäftigt die Politik: Das mittlerweile von einer Expertenkommission als tierschutzwidrig eingestufte Training zweier Hengste des Landgestüts am 13. April war   Thema im Umweltausschuss in Düsseldorf.
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Die vom Umweltministerium eingesetzte Untersuchungskommission urteilte: „Das in Rede stehende Training war nicht mit den Leitlinien zum Tierschutz im Pferdesport vereinbar.“ Ob der Vorfall rechtliche Konsequenzen haben wird ist offen. Unklar ist derzeit auch, ob es ein Disziplinarverfahren geben wird. 

NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) erstattete am Mittwoch, 9. Juni, in Düsseldorf dem Umweltausschuss Bericht zu den Vorfällen am 13. April. An jenem Tag waren zwei Hengste des Landgestüts unter Anleitung von Gestütsleiterin Kristina Ankerhold in einer Art und Weise trainiert worden, dass angehende Pferdewirtschaftsmeister die Methoden als tierschutzrelevant eingestuft und Videos von dem Vorfall angefertigt hatten. Konkret geht es um den Einsatz von Schlaufzügeln und eine extreme, mit Schmerzen verbundene Überdehnung von Hals und Genick („Rollkur“). 

„Mangelnde Sensibilität im Umgang mit Pferden“

Die Kommission, der unter anderem Dr. Gerlinde Dehn (Landestierschutzbeauftragte), Dr. Sylvia Heesen (Leiterin des Referats Tierschutz), Dr. Andreas Franzky (Vorsitzender der tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz) und Dr. Ralf Unna (Vizepräsident des Landestierschutzverbandes NRW) angehören, sichtete am 20. und 31. Mai insgesamt fünf Videos.

Ihr Urteil ist eindeutig: Unter Einbeziehung der Stellungnahme der Gestütsleiterin und unter Berücksichtigung der äußeren Umstände in der Reithalle, war das Training tierschutzwidrig. „Die im Landgestüt praktizierten Ausbildung sollen vorsorglich allgemein auf den Prüfstand gestellt werden, da zumindest zum Zeitpunkt der Videoaufzeichnungen Hinweise auf eine mangelnde Sensibilität im Umgang mit und in der Ausbildung von Pferden vorliegen“, heißt es in einer Empfehlung der Kommission. Ursula Heinen-Esser will prüfen lassen, ob künftig die Ausbildung von externen Experten zertifiziert werden soll, möglicherweise unter Einbeziehung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung.

Anhörung kann noch Wochen dauern

Offen ist derzeit der Ausgang des ordnungsrechtlichen Verfahrens, das das Kreisveterinäramt Warendorf nach einer Anzeige eingeleitet hat. „Dabei haben die betroffenen Personen die Möglichkeit Stellung zu nehmen. Das kann mehrere Wochen dauern, da die Anhörungsfrist normalerweise vier Wochen dauert“, heißt es im Bericht der Ministerin. Um schneller zu einem ersten Ergebnis zu kommen, habe es die interne Untersuchungskommission gegeben. Es habe sowohl Gespräche mit der Gestütsleiterin, als auch mit der Reiterin und der Deutschen Reiterlichen Vereinigung gegeben. Diese war von den Filmern eingeschaltet worden und hatte die Trainingssituation von Beginn an als nicht pferdegerecht eingestuft.

Maßgeblich bleibe die Bewertung des Vorfalls durch das Kreisveterinäramt, so Heinen-Esser. Erst danach werde über ordnungsrechtliche Maßnahmen, wie etwa die Verhängung von Bußgeldern, entschieden. Sollten die Beteiligten diese nicht akzeptieren, wird die Video-Affäre möglicherweise noch ein Fall für die Gerichte.

Tierwohl verbessern - neue Reithalle und Paddocks

Unabhängig von der Aufklärung der Video-Affäre hat das Umweltministerium eine Reihe von Maßnahmen angestoßen, die zu einer Verbesserung des Tierwohls im Landgestüt beitragen sollen. So soll noch in diesem Sommer eine neue 30 mal 68 Meter große Reithalle eingeweiht werden, die der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW baut. In die Planungen wurde von Beginn an die Denkmalschutzbehörde einbezogen. So gab es beispielsweise eine Abstimmung der Dachziegeltypen. Beim Bau der Halle wurde eine Backstein-Keramik in hellgelb verwendet, die sich perfekt an die historischen Gebäudeteile des Gestüts anpasst.

Zu der gesamten Maßnahme gehören noch der Anbau einer kleinen Maschinenhalle sowie Neubauten einer Führanlage und elf Paddocks mit einer Gesamtfläche von etwa 1800 Quadratmetern. Mit Blick auf das 2026 anstehende 200-jährige Bestehen des Landgestüts hat das Umweltministerium zu dem den Prozess „Zukunftsperspektive Landgestüt“ angestoßen, bei dem grundsätzliche Fragen zur zukünftigen Ausrichtung und Positionierung des Landgestüts geklärt werden sollen. Über erste Ergebnisse will das Ministerium zum Jahresende berichten.

Professionelle und vorbildliche Arbeit

Die Leiterin des Referats Tierschutz, Dr. Sylvia Heesen, erklärte im Ausschuss, das Ministerium habe sich beim Besuch im Landgestüt Hengste vorführen lassen. „Auch einen der Hengste aus den Videos. Wir haben gesehen, dass die Mitarbeiter professionell und vorbildlich arbeiten“, sagte Heesen. Es gebe kein grundsätzliches Problem im Tierschutz. Heesen lobte ausdrücklich das Verhalten der angehenden Pferdewirtschaftsmeister, die die Videos aufgenommen hatten: „Ich finde es sehr gut, dass sie den Mumm in den Knochen hatten zu sagen, so geht es nicht.“ 

Watermann-Krass (SPD): Hengste brauchen Freilauf

„Die Kommission des Landwirtschaftsministeriums hat nun mehrere Wochen damit verbracht, das Videomaterial zu prüfen. Dabei waren in der Reithalle zahlreiche Fachleute, nämlich Berufsreiter zugegen, die den Vorfall sehr gut einschätzen können. Dennoch wurden bisher keine Zeugenaussagen angefragt. Überhaupt ist es doch verwunderlich, dass das Ministerium zwar eine Kommission gebildet hat, auf den externen Sachverstand der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) dabei jedoch verzichtet. Deren Einbezug in der Kommission wäre aus meiner Sicht essentiell für eine transparente Aufarbeitung gewesen“, erklärte Umweltausschussmitglied Annette Watermann-Krass (SPD) aus Ahlen. Sie fordert für die Zukunftsplanung freien Auslauf die Hengste zu schaffen.

Diekhoff (FDP): Wichtige Institution für Region

Der umweltpolitische Sprecher der FDP, Markus Diekhoff aus Drensteinfurt, bezeichnete das Landgestüt als wichtige Institution für die Region, die es zu erhalten gelte. „Es ist ein wichtiges Signal, dass die Landesregierung mit Staatssekretär Dr. Heinrich Bottermann  ihren besten Mann ins Landgestüt geschickt hat.“

Rüße (Grüne): Zusammenarbeit mit Helgstand befremdlich

Die Ausarbeitung von Zukunftsperspektiven für das Landgestüt forderte auch Norwich Rüße (Grüne) aus Steinfurt ein. Dieses Kleinod ländlicher Kultur müsse absoluten Vorbildcharakter haben, wenn dorthin Fördermittel flössen, erklärte er. Als befremdlich bezeichnete Rüße, die von Ankerhold geplante, dann aber nach Kritik gestoppte Zusammenarbeit mit dem dänischen Pferdehändler Andreas Helgstrand. „Ich finde es mehr als verwunderlich, dass man ausgerechnet mit einem der umstrittensten Reiter der Szene eine Zusammenarbeit angestrebt hat“, so Rüße. Er erinnerte daran, dass Helgstrand den gleichen Vorwürfen zu umstrittenen Trainingsmethoden ausgesetzt war, wie jetzt die scheidende Gestütsleiterin.

Heinen-Esser: Müssen uns Strukturen genau ansehen

Damit traf er offensichtlich einen wunden Punkt. „Dr. Bottermann arbeitet den Vorgang Helgstrand noch einmal komplett auf. Wir werden dazu Bericht erstatten“, erklärte die Ministerin. Genauer hinterfragen will sie auch, warum die Gestütsleiterin überhaupt die Ausbildung der Hengste übernommen habe, was eigentlich nicht zu ihrem Aufgabengebiet gehöre. „Sie ist stärker im operativen Bereich aktiv geworden, nachdem der verantwortliche Ausbilder in Elternzeit gegangen war“, so Heinen-Esser. Ob es weitere Motive gebe wisse sie nicht. Bevor die Stelle der Gestütsleitung neu ausgeschrieben werden, gelte es auch, die Strukturen im und um das Landgestüt herum genauer unter die Lupe zu nehmen. „Das ist die zweite Leiterin, die aufhört. Wir müssen uns genau ansehen, warum das tatsächlich so ist“, sagte Heinen-Esser. 

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