Probleme für Schweinezüchter wachsen
Foto: Baumjohann
Eine höhere Wertschätzung für Lebensmittel wünscht sich Ortslandwirt Matthias Finkenbrink, der in seinem Familienbetrieb Ferkel züchtet und Schweine mästet.
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Denn auch wenn mit dem Tönnies-Standort in Rheda einer der größten deutschen Schlachtbetriebe stillliegt, werden weiter Ferkel geboren und erreichen Schweine in den Ställen von Familie Finkenbrink und zahlreichen Berufskollegen ihr Schlachtgewicht.

Zu einem Problem führt das auf dem Familienbetrieb in der Bauerschaft Flintrup (derzeit) nicht. „Wir vermarkten rund 600 bis 700 Ferkel pro Monat“, sagt Matthias Finkenbrink. Das klappe auch derzeit – allerdings sei der Schlachtbetrieb von Tönnies in Rheda gerade einmal knapp zwei Wochen geschlossen. Und er wisse durchaus von Berufskollegen, bei denen schon Probleme aufträten, schränkt der Landwirt ein. Schließlich könnten Ställe nicht neu belegt werden, wenn schlachtreife Tiere nicht abgeholt würden.

„Das Problem verschärft sich täglich“, macht Finkenbrink deutlich und verweist auf die wöchentlich 120 000 Schweine, die vor der Schließung bei Tönnies in Rheda geschlachtet worden sind. „Wir Landwirte und die Tiere müssen es ausbaden“, zeigt Matthias Finkenbrink auf. Wenn die Schweine nämlich länger als geplant im Stall blieben, bringe das nicht nur höhere Futterkosten, sondern möglicherweise auch geringe Preise mit sich, weil das vereinbarte Zielgewicht überschritten werde. Aber auch aus Tierschutzsicht könnten Probleme entstehen, wenn es in den Ställen zu voll wird. „Es ist leider kein politischer Wille erkennbar, eine Lösung zu finden“, bedauert Finkenbrink.

Wegen des massiven Corona-Ausbruchs im Schlachthof Rheda-Wiedenbrück könne man Clemens Tönnies natürlich an den Pranger stellen, sagt Finkenbrink und unterstreicht, dass über die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie sicher zu reden sein werde. Er weiß aber auch: „Es gibt nur noch wenige Schlachthöfe, weil die Auflagen für kleine oder mittlere Betriebe immer größer geworden sind. Die mittelständischen Schlachtbetriebe sind über 15 Jahre regelrecht ausgeblutet.“

Und so warnt Finkenbrink auch davor, die Auflagen für die Landwirte zu hoch zu schrauben. „Dann exportieren wir Tierhaltung.“ In Asien würden Betriebe hochgezogen, die hundertmal größer seien als hier: „Das ist Massentierhaltung“, erklärt der Landwirt. Und in Spanien, wo die Schweinehaltung ausgebaut werde, arbeite man unter Bedingungen, die hier gerade abgeschafft würden.

„Man kann dem Konsumenten nichts vorschreiben“, ist Matthias Finkenbrink überzeugt, dass allen Diskussionen um Tönnies zum Trotz auch zukünftig viele Kunden beim Einkauf vor allem auf den Preis achten würden. Sicherlich werde sich der Markt aber auch verschieben, Bio-Qualität mehr gefragt sein. Ohnehin wünscht sich der Freckenhorster Ortslandwirt eine höhere Wertschätzung für Lebensmittel und damit verbunden auch höhere Lebensmittelpreise in den Geschäften: „Wenn Lebensmittel nachhaltig teurer würden, könnten wir mit dem Geld viel Gutes tun.“

Noch höhere Tierwohl-Standards in den Ställen – Matthias Finkenbrink hat damit kein Problem. Allerdings müssten dann auch die Preise stimmen, die Landwirte müssten das investierte Geld auch wiedersehen. Wenn man in Deutschland zukünftig nur noch Nischen wie die Bio-Produktion bedienen wolle, werde das einen rasanten Strukturwandel nach sich ziehen, befürchtet er. Schon jetzt beschleunige sich dieser, hätten auch Landwirte in der Stiftsstadt ihre Betriebe aufgegeben.

Auch wenn Matthias Finkenbrink auf seinem Betrieb derzeit keine direkten Auswirkungen der Schlachthaus-Schließung in Rheda-Wiedenbrück spürt, sind der Freckenhorster Ortslandwirt und seine Familie dennoch persönlich betroffen. „Eigentlich wären wir in dieser Woche im Urlaub an der Ostsee“, erzählt er. Auch aufgrund der Berichte von Verwandten, die dort leben, habe man aber verzichtet: „Es sind Autos zerkratzt und Scheiben eingeschlagen worden“, weiß der Freckenhorster. „Diese Stigmatisierung ist unsäglich“, ist er überzeugt. Das gelte selbstverständlich auch für die Tönnies-Mitarbeiter, die im Kreis Warendorf leben: „Die Menschen können am wenigsten für die Situation“, wirbt der Ortslandwirt für einen fairen Umgang miteinander.

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