Rathaus-Echo: FDP-Fraktion
Im Warendorfer Rathaus-Echo äußern sich die fünf Ratsfraktionen wöchentlich zu aktuellen Themen. „Glocke“-Leser können die Beiträge online diskutieren und sich so mit den Politikern austauschen.

Zielvorstellung der UN-Behindertenrechtskonvention ist die inklusive Bildung (gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung) für 80 bis 90 Prozent aller Kinder mit Behinderung, mit dem gleichzeitigen Anspruch auf notwendige Unterstützung im Regelschulsystem.

Inklusion, wenn sie von den Eltern für ihr Kind gewünscht wird, ist ein guter Ansatz. Kinder mit und ohne Behinderung profitieren zweifelsohne vom gemeinsamen Unterricht. In den meisten europäischen Ländern ist Inklusion längst Standard. Diese UN-Konvention ist seit 2009 Bundesrecht und auch die Stadt Warendorf ist daran gebunden.

Im kommenden Schuljahr werden 395 Kinder eingeschult, davon fünf Prozent (20 Kinder) mit Förderbedarf. Diese 20 Kinder werden keine homogene Gruppe sein. Der Förderbedarf erstreckt sich in mehr als 50 Prozent der Fälle auf Kinder mit Lernschwierigkeiten und Kinder mit emotional-sozialen Entwicklungsstörungen. Diese Kinder haben alle (zu Recht!) einen Anspruch auf die notwendige Unterstützung im Regelschulsystem durch Sonderpädagogen und Sozialarbeiter. Diese Kinder haben auch ein Recht auf wohnortnahe Beschulung, das heißt, sie können in jede der sieben Grundschulen in städtischer Trägerschaft angemeldet werden. Auf elf Kinder mit Förderbedarf weist die Bezirksregierung eine Vollzeitstelle für Sonderpädagogik aus. Das bedeutet zwei zusätzliche Sonderpädagogen, die sich flächendeckend von Hoetmar bis Milte um die 20 „inklusiven“ Kinder kümmern werden. Das Problem ist: Es stehen jetzt schon keine Sonderpädagogen zur Verfügung, es gibt keine Bewerber. Und auch bei der Zuteilung der Sozialarbeiterstellen gibt es Engpässe. Die Laurentiusschule verfügt über einen Sozialarbeiter für 20 Stunden, und Overberg– und Everwordschule teilen sich einen Sozialarbeiter für 20 Stunden. Es mutet schon vermessen an, wenn der für Inklusion zuständige Berater der Bezirksregierung kürzlich während einer FDP-Veranstaltung den Lehrern rät, sie sollten flexibel sein und die Herausforderung „Inklusion“ annehmen, schließlich seien sie unkündbar.

Was sollen die Lehrer eigentlich noch alles leisten? Neben dem Schulalltag und dem Erdulden immer neuer, von der Bezirksregierung propagierter pädagogischer Konzepte, welche nach kurzer Zeit wieder verworfen werden, sollen sie nun Sozialarbeiter, Sonderpädagogen und Grundschullehrer für alle Kinder sein. Und das alles bei einer Klassengröße von bis zu 23 Kindern (in den Förderschulen ist die Klassengröße auf 16 Kinder begrenzt). Inklusion ist eine notwendige und sicher schon lange überfällige Sache. Solange jedoch die personellen und finanziellen Voraussetzungen nicht erfüllt sind und die Zuständigkeiten (Jugendhilfe, Bezirksregierung, Schulträger, Schulleitung, Sozialhilfe und Sonderpädagogik) ungeregelt sind, sind die Leidtragenden dieser Umsetzung der UN–Konvention die Kinder mit und auch ohne Förderbedarf und die Pädagogen. In Deutschland neigt man dazu, neu erlassene Verordnungen und Gesetze übereifrig umsetzen zu wollen. Was Inklusion angeht, mahnen wir zu besonnenem Umgang und langsamer Gangart

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