Reformationsfest mit Würde und Frohsinn
Mit langanhaltendem Applaus würdigte das Publikum die niveauvolle „Bläsermusik zum Reformationstag“ durch den Posaunenchor der Evangelischen Kirchengemeinde.

Was als „kleines aber feines Reformationsfest“ angekündigt war, wurde zu einem Festnachmittag voller Würde und Intensität, der in der stets vollbesetzten Kirche jedoch gepaart war mit Leichtigkeit und Frohsinn.

In drei Blöcken gedachten nicht nur die evangelischen Christen der Taten Martin Luthers vor 500 Jahren, die die Welt veränderten und bis in die heutige Zeit hineinwirken. „Luthers Reformation war auch Bildung für das einfache Volk, Gottesdienste und Kirchenlieder wurden plötzlich in deutscher Sprache gehalten und gesungen. Deshalb wollen wir mit Musik beginnen, denn nach der Theologie war für Luther die Musik das Wichtigste“, begrüßte Pfarrer Cornelius Bury die Festgäste.

Voluminös intonierte der Posaunenchor unter Leitung von Georg Potthoff pünktlich ab 15.17 Uhr Mendelssohns „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“. Pfarrer Herwig Behring befasste sich danach mit dem Text dieses Liedes: „Suchend, fragend, zweifelnd sieht man Luther hier zu Beginn des Musikstücks, der jedoch bereits in der zweiten Strophe zu Mut und zur Erkenntnis zurückfindet, dass er im Glauben nicht verloren ist.“ Vier weitere Choräle folgten und die dazu gehörenden Texte wurden von den Pfarrern Behring und Bury wechselnd interpretiert, bevor der erste Programmblock mit dem von der Gemeinde gemeinsam gesungenen Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ endete.

Im feierlichen Reformationsgottesdienst, der unter dem Motto „Vertraut den neuen Wegen, das Land ist hell und weit“ stand, verdeutlichte Pfarrer Behring, dass der größte Schatz der Bibel das Evangelium sei. Bemerkenswert war dabei auch seine Feststellung, dass „sich die beiden großen christlichen Kirchen in den vergangenen 50 Jahren so nah wie nie“ gekommen seien. Mit dem Abendmahl endete der zweite Block der Festlichkeiten.

Einen genialen Coup hatten die Organisatoren mit der Verpflichtung des Marcel-Marceau-Schülers Christoph Gilsbach gelandet: Von der ersten bis zur letzten Minute lockerte dieser das Programm mit seinen Pantomimen, Dialogen und teilweise tiefsinnigen Betrachtungen auf.

Schriften regen zum Nachdenken an

Auch dass zwischen den offiziellen Programmteilen Zeit für Gespräche miteinander blieb, ließ viele Besucher in der und um die Kirche verweilen. Denn die Soireé „Freiheit – ein literarischer Streifzug von Luther bis heute“ sollte zum Schluss des Festtages noch zu einem Höhepunkt werden.

Begleitet von Holger Blüder am Flügel und Olga Haus als Organistin widmeten sich Cornelius Bury und Ricarda Reker-Nass den Schriften von Luther, Erasmus von Rotterdam, Bonhoeffer, Gauck und Martin Luther King. Christoph Gilsbach regte dabei zum Nachdenken an: „Muss hinter den Begriff unserer ‚freiheitlichen Gesellschaft’ eigentlich ein Fragezeichen oder ein Ausrufezeichen?“ Den Nagel auf den Kopf traf dabei wohl Cornelius Bury, der feststellte, dass „man Freiheit nicht geschenkt bekommt – man kann sie sich aber auch nicht kaufen“.

Mit Luthers Abendsegen ging das Reformationsfest weit nach dem eigentlich für 20.17 Uhr geplanten Schlusswort zu Ende. „Aber die Reformation wird ja auch noch weit über das Jahr 2017 hinaus das kirchliche Leben auf der Welt bestimmen“, waren sich die Kirchenbesucher einig, die die ungeplante Verlängerung des Festes gerne in Kauf nahmen.

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