Stiftsstadt ohne Bad „geht doch nicht“
Bild: Gabi Wild
Mehr als 50 Bürger jeden Alters waren zum Lehrschwimmbad gekommen, um am „Glocke“-Mobil über die Entscheidung des Hauptausschusses zu diskutieren und ihre Meinung zu sagen.
Bild: Gabi Wild

Auf Einladung der „Glocke“ waren mehr als 50 Interessierte zum Platz vor dem Bad gekommen, wo das „Glocke“-Mobil Station gemacht hatte. Am Morgen nach der wegweisenden Entscheidung im Hauptausschuss, nach der es kein Geld mehr für einen Weiterbetrieb des Freckenhorster Lehrschwimmbads geben soll, wollten die Redakteure von den Bürgern wissen, was diese Planungen für sie bedeuten und wie sie die Diskussionen um den Erhalt des Bads bewerten.

„Ich kann nicht verstehen, dass man das Bad schließen will“, erklärte Elisabeth Hölkemann, die regelmäßig aus Sassenberg nach Freckenhorst kommt, um an Kursen im Lehrschwimmbad teilzunehmen. „Mit dem Hubboden gibt es hier tolle Möglichkeiten und so marode, wie alle sagen, ist das Bad gar nicht.“ Aus der ganzen Umgebung kämen Besucher und seien begeistert. Das konnte Christa Nüßing nur bestätigen. Gerade ältere und bewegungseingeschränkte Menschen oder Menschen mit Handicaps fühlten sich in dem kleinen Rahmen des Freckenhorster Bads viel wohler als in größeren Bädern, berichtete die Leiterin von Aqua-Kursen und wurde von Iris Schmidt unterstützt. Ihre Tochter sei schwer mehrfachbehindert und auf den Rollstuhl angewiesen. Aber auch sie habe im Lehrschwimmbad viel Spaß im Wasser gehabt.

„Und wo bleiben wir, wenn hier keine Kurse mehr stattfinden können?“, fragte Irmgard Amoroso. Die Warendorferin hatte in vielen Bädern der Umgebung nach freien Plätzen in Aqua-Jogging-Kursen gefragt und war überall abgewiesen oder auf Wartelisten verwiesen worden.

Ähnliche Erfahrungen hatte auch Nadine Elkmann bei der Suche nach einem Schwimmkursus für ihre Kinder gemacht. „Da gibt es Wartezeiten von zwei Jahren“, kritisierte sie. „Es ist doch ein Witz, dass dann das Bad hier geschlossen wird. Wo sollen unsere Kinder denn schwimmen lernen?“

50 Seepferdchen sind Stadtrekord

Während am „Glocke“-Mobil über das wahrscheinliche Aus für das Lehrschwimmbad diskutiert wurde, herrschte gleich nebenan im Wasser reger Betrieb. Die Zweit- und Drittklässler der Everword-Grundschule hatten Schwimmunterricht. „Im vorigen Schuljahr haben 50 Kinder ihr Seepferdchen gemacht. Das hat keine andere Schule in der Umgebung geschafft“, berichtete der Schulpflegschaftsvorsitzende Michael Krass voller Stolz. In zwei Schuljahren stehe in der Everwordschule Schwimmen auf dem Stundenplan. Sollten die Kinder demnächst ins Warendorfer Bad fahren müssen, gehe ein Schuljahr für die Fahrtzeiten verloren, rechnete er vor. Ob es dann noch so viele Schwimmabzeichen gebe, sei mehr als fraglich.

Das Problem sah auch die kommissarische Schulleiterin Angelika Klother. Wenn das benachbarte Bad nicht mehr genutzt werden könne, müsse sie für den Schwimmunterricht sechs Kollegen für drei Klassen abstellen, erklärte sie. Es fehle dann die Zeit und die Nachhaltigkeit beim Schwimmenlernen. „Wir würden es unsagbar bedauern, wenn das Bad schließt“, sprach sie für das gesamte Kollegium und die Elternschaft.

Eifrige Nutzer des Freckenhorster Bads sind auch die Kindergärten. Als Sprecherin des Familienzentrums, des Zusammenschlusses der drei Kindergärten der Stiftsstadt, habe sie lange mit den Stadtwerken um Schwimmzeiten für die Kindergärten gerungen, erinnerte sich Renate Brune. Da die Schulen Vorrang hätten, habe es keine Möglichkeit gegeben. Nach Absprache mit „Pro Bad“ könnten die Kindergärten nun seit vier Jahren montags zwei Stunden das LSB nutzen. „Es ist toll zu sehen, wie die Kinder nach anfänglicher Scheu im Wasser spielen und Spaß haben. Es wäre schade, wenn das nicht weitergehen könnte“, so Brune, die auch die gute Zusammenarbeit mit der Wasserwacht lobte. „Mit den ehrenamtlichen Ausbildern können wir immer reden und Kinder, die Probleme haben, fördern lassen“, so Brune.

Mit der Wasserwacht lernten jedes Jahr bis zu 100 Kinder das Schwimmen, bestätigte deren Leiter Martin Riemann. Viele legten später auch weitere Schwimmabzeichen ab und engagierten sich bei der Wasserwacht oder dem Roten Kreuz. „Diesen Erfahrungsschatz, der über viele Jahre aufgebaut worden ist, kann man nicht einfach woanders hin transferieren.“

Mit „Frexit“ zu mehr Selbstbestimmung

Bedauern über den möglichen Verlust des Lehrschwimmbads war bei den Besuchern des „Glocke“-Mobils das eine. Wut auf die Politik das andere. „Die Entscheidung des Hauptausschusses ist ein Unding und ein Affront gegen Freckenhorst“, schimpfte Horst Franze und wies auf das Geld hin, das in Warendorf für die Marktplatzsanierung und Probebeleuchtungen ausgegeben werde.

„Man hat den Eindruck, die Politik will das LSB nicht“, merkte Anne Halbuer an. „Das ist ein Trauerspiel für alle Stadtteile“, sagte sie und forderte die CDU-Ratsmitglieder auf, zu ihrem Ortsteil zu stehen. „Sonst verlieren wir doch immer mehr das Vertrauen in die Politik.“

Das nun vom Hauptausschuss geforderte Standortkonzept sei nur eine weitere Argumentationshilfe, um das LSB zu schließen, mutmaßte Angelika Schmiele, die Vorsitzende des TUS Freckenhorst. „So sollten wir uns nicht abspeisen lassen.“

„Mit dem Beschluss des Hauptausschusses wird das Thema Lehrschwimmbad auf die lange Bank geschoben – genauso wie schon seit vielen Jahren das Thema Umgehungsstraße“, bedauerte der „Pro Bad“-Vorsitzende Dieter Mevert. Wie es zwischenzeitlich weitergehe, wisse er auch nicht. Der Verein werde keinen weiteren Antrag auf Weiterbetrieb stellen. Wenn allerdings die Stadt anfrage, ob noch weiter im LSB geschwommen werden könne, werde man sich sicher nicht wehren. Fakt sei aber, dass am 13. Dezember der vorerst letzte Öffnungstag sei. „Da treffen wir uns zum Beerdigungskaffee.“

Doch darauf wollte es Peter Marberg (SPD) nicht beruhen lassen. „Es geht um die Identität von Freckenhorst, und als Freckenhorster fühlt man sich derzeit abgehängt“, kritisierte er und warf der CDU vor, beim Thema Lehrschwimmbad umgefallen zu sein. „Wir wollen vor Ort bestimmen, was wir uns leisten wollen und können“, forderte er. Wenn es für die Stiftsstadt als Ortsteil von Warendorf keine eigenen Entwicklungsperspektiven gebe, dann müsse Freckenhorst eben selbstständig werden. „Statt Brexit gibt’s dann einen Frexit.“

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